Hier ist besetzt! Hausbesetzung in der Triester Straße

Wer den Garten in der Triester Straße 114 im 10. Bezirk betritt, denkt an ein Ferienlager. Doch der Scheint trügt: Die Eltern, Jugendlichen und Kinder sind Hausbesetzer.

Kleine Kinder laufen barfuß über eine Holzveranda. Hängematten schaukeln zwischen Herbstbäumen. Junge Menschen jonglieren, spielen Gitarre, singen. Hinter dem Garten steht ein Haus. Es ist groß und seine Ziegelfassade schimmert rotgolden in der Nachmittagssonne. Seit dem 2. September schauen hier regelmäßig Polizisten nach dem Rechten. Die Kinder, Eltern und Jugendlichen im Garten sind nämlich nicht die Besitzer des Hauses. Sie besetzen es.

Vor dem Garten wird über das Projekt "berichtet" (Foto: Lukas Plank).
Vor dem Garten wird über das Projekt „berichtet“ (Foto: Lukas Plank).

Sieben Tage buntes Programm

„Das Haus steht seit zwei Jahren leer. Es verfällt langsam. Und gleichzeitig gibt es so viele coole Projekte, für die in der Stadt der Platz fehlt“, sagt Anna*. Sie ist Anfang Zwanzig. Ihren richtigen Namen verrät sie nicht – Er könnte sie später bei der Polizei verraten. Sie sagt auch nicht, was sie studiert. Und wenn sie eine Digitalkamera sieht, geht sie weg. Das machen hier alle so. Am Freitag, den 9. Oktober, genau eine Woche nachdem die rund 40 Aktivisten der „Gruppe Hausprojekt“ das Haus besetzt haben, läuft die Aktions-Woche aus. Sieben Tage lang wohnen die Hausbesetzer in der Triester Straße 114 und veranstalten Ausstellungen, Workshops und Vorträge. Sie stellen vor, wie sie sich ihr Leben in dem Haus vorstellen. Dann müssen sie weg. Anna: „Wir rechnen damit, dass am 9. Oktober die Polizei kommt. Die Stadt Wien ist bisher nicht bereit, zu verhandeln.“

Das besetzte Haus in der Triester Straße 114 (Foto: Lukas Plank).
Das besetzte Haus in der Triester Straße 114 (Foto: Lukas Plank).

„Ich finde es unerträglich“

Aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) heißt es dazu: „Es gibt konkrete Pläne für das Haus. Die Besetzer können also nicht dableiben. Darüber brauchen wir nicht verhandeln.“ Bis Freitag wird die Stadt Wien aber nicht einschreiten. Alfred Hoch von der Wiener ÖVP kann nicht verstehen, warum die Besetzer nicht sofort gehen müssen: „Da sitzen Jugendliche auf den Fenstersimsen und schimpfen auf Leute hinunter, die einer geregelten Arbeit nachgehen.“ Pläne für den Umbau in eine Dienststelle der Exekutive lägen bereits vor. Es werde diskutiert, das Forstamt in dem Backsteinbau unterzubringen. „Es handelt sich nicht einfach um ein leerstehendes Haus, das verfällt“, sagt Hoch. „Ich finde es unerträglich, wenn jemand ein fremdes Haus besetzt und sagt: Ich bleib’ jetzt da.“
Auch wenn die Stadt wartet, bis die Projekt-Woche vorbei ist: Bleiben werden die Besetzer nicht können.

Buntes Chaos

„Klar, die lassen sich jetzt was einfallen, damit wir nicht behaupten können, dass das Haus ungenützt ist“, sagt Anna. „Schräg, dass jetzt angeblich tatsächlich ein Amt hineinkommen soll.“ Im Fernsehen war das Haus nämlich schon oft als Amt zu sehen. In der ORF-Sitcom „MA 2412“ stellte es in Außenaufnahmen das „Amt für Weihnachtsdekoration“ dar.
Von weitem wirkt das Gebäude starr und streng; drinnen aber herrscht jetzt buntes Chaos. Überall hängen Zettel und Plakate, To-Do- und Einkaufslisten. Ein Plakat fragt, ob eine fixe Nachtruhe eingeführt werden soll. Ein anderes, wie mit der Presse umgegangen werden kann. Daneben hat ein Bodypainter einen Zettel aufgehängt: Er sucht ein Modell. „Jeder, der etwas machen will oder eine Meinung oder Idee zu etwas hat, kann das dazuschreiben“, sagt Martin*. Die Piercings in seinem Gesicht wippen, wenn er spricht. „Wir wollen nicht einfach hier wohnen, wir wollen Platz, um Ideen zu verwirklichen.“ Für eine Woche hat Martin seine Wohnung und seine Arbeit hinter sich gelassen. Er ist erst wenige Tage hier, trotzdem sei das Haus schon seine Heimat geworden. Aber nicht alle wohnen hier. Viele der Studierenden, Arbeitenden und Arbeitslosen kommen zu Besuch. Sie nehmen am Jonglier-Workshop teil und kochen Spagetti. Sie helfen dabei, Transparente zu sprayen oder reparieren die Holzstiege zur Veranda. Wenn es dunkel wird, gehen sie wieder. Sie werden nicht sitzen bleiben, wenn die Polizei kommt.

Kostnix-Philosophie im Erdgeschoss…

Weil draußen die Sonne scheint, sind die Veranstaltungsräume im Erdgeschoss leer. Nur in einem Raum sitzen Leute und unterhalten sich. „Das ist unser Kostnix-Café“, sagt Martin. Matratzen liegen am Boden, Plastikbecher stehen und liegen auf niedrigen Tischen. „Und das hier“, er deutet zur anderen Hälfte des Raumes, „das ist unser Kostnix-Laden. Die Denkweise dahinter ist: Jeder gibt her, was er geben will. Und jeder nimmt sich, was er braucht. Bezahlt wird nicht.“ In einem schwarzen Regal stehen ein Duschgel, vier Paar Schuhe und einige Bücher. An Haken hängen Kleider und Taschen. Auf einem Brett stapeln sich Pullover. Alles wirkt etwas heruntergekommen. Alles wirkt offen, freundlich und bunt.

Das "Kostnix-Café". Niemand wollte fotografiert werden (Foto: Lukas Plank).
Das „Kostnix-Café“. Niemand wollte fotografiert werden (Foto: Lukas Plank).

 …Ausstellung im ersten Stock 

„Als wir gekommen sind, war hier nur Staub und Dreck“, sagt Martin. Eine rote Haarsträhne hat sich in seinem Brauenpiercing verheddert. „Jetzt haben wir im ersten Stock sogar eine Ausstellung.“ Ein selbst gebasteltes Buch hängt hier an einem Faden von der Decke im Gang. In einem kleinen Raum, der bis auf einen alten Fernseher leer ist, läuft ein Film über Hausbesetzungen. Tropfbilder, Fotos, Plakate und Anarchie-Zeichen bedecken die Wände. „Kunst-Studenten haben die Ausstellung gemacht. Aber jeder kann kommen und hier sein Kunstwerk ausstellen.“ Martin versucht, sich die Strähne aus dem Gesicht zu wischen. Auf seinem linken Unterarm verblasst eine Nummer. Bevor er am Freitag hergekommen ist, hat er sie sich mit schwarzem Edding auf die Haut gemalt. „Schreibt euch die Rechtshilfenummer mit einem wasserfesten Stift auf Hand oder Fuß“, heißt es auf einem der Informations-Zettel.

Die Besetzer sprayen ein Transparent. Auch sie wollen ihre Gesichter nicht zeigen (Foto: Lukas Plank).
Die Besetzer sprayen ein Transparent. Auch sie wollen ihre Gesichter nicht zeigen (Foto: Lukas Plank).

„Hoffentlich geht alles gut“

„Es kann sein, dass sie dich mitnehmen und dir alles abnehmen. Da ist es wichtig, dass du unsere Rechtshilfenummer trotzdem immer bei dir hast.“ Wenn Martin an die Räumung denkt, hat er Angst. „So geht es allen hier. Wenn ich mir vorstelle, dass die Polizei kommen könnte, stellt es mir alle Haare am Körper auf.“ Er blickt einem Kind nach, das vorbei läuft. „Hoffentlich geht alles gut, wenn die Polizei kommt.“
Thomas* sieht vor einem der Plakate im Erdgeschoss. „Die Tür wird verbarrikadiert und geschlossen, wenn die Polizei den Garten betritt!“, steht da. Und jemand hat ergänzt: „For this we need ‚Dübel‘ and screws. And work on the barricade a bit.“ Thomas streicht sich mit seinen langen Fingern durch den Bart. Wie alle anderen hofft er, dass die Polizei noch lange nicht kommt. Was er machen wird, wenn es soweit ist? „Wir kommen, um zu bleiben“, sagt er. Und ergänzt lächelnd: „Und wir kommen wieder.“

* Name geändert

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Update

Am 12. Oktober 2009 hat die Polizei das Haus in der Triester Straße 114 geräumt. Die Stadt hat den Besetzern Gespräche zugesichert. „Es ist allerdings fraglich, ob da was dabei rauskommt“, so eine Aktivistin. „Wir werden jedenfalls nicht aufgeben. Jetzt müssen wir uns erst einmal erholen. Aber es wird weitere Aktionen geben. Das Hausprojekt ist nicht tot.“

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2009 unter dem Titel „Hier ist besetzt!“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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