Autodrom mit Segel: Blokart auf der Donauinsel

Unten sehen sie aus wie sportliche Seifenkisten. Oben wie ein Segelboot. Vergangenes Wochenende fand auf der Donauinsel in Wien die erste österreichische Blokart-Meisterschaft statt.

Hamish McGregor wartet auf die nächste Windböe. Während er auf die orange Boje zusteuert, versucht er zu erahnen, aus welchem Winkel ihn der Windstoß treffen wird. Er strafft das Segel. Dann gibt die Böe dem Blokart einen Stoß nach vorne. McGregor segelt nicht übers Wasser, er fährt über Asphalt. Und die Boje ist ein Verkehrshütchen.

„Blokart“, so heißen die kleinen Landsegler, die am Wochenende auf der Donauinsel um die Wette gefahren sind. Die Bezeichnung „Blokart“ setzt sich aus „blow“, also blasen und „kart“ für Gokart zusammen. Die Fahrer sitzen auf einer Stoffbespannung, haben hinter sich zwei Reifen, vor sich den dritten und über sich ein Segel, wie man es vom Surfen kennt. Während die eine Hand am Lenkrad liegt, steuert man mit der anderen über ein Seil das Segel. „Sicher, es ist kein Nachteil, wenn man Seglererfahrung hat. Aber es reichen ein paar Minuten, dann hast du den Dreh raus“, sagt Hamish McGregor. Der Vizeweltmeister brachte den Sport 2004 nach Österreich. Einige Jahre davor hatte der Neuseeländer Paul Beckett das Blokart erfunden. Tatsächlich gibt es die Idee vom „Segel auf Rädern“ aber schon viel länger: Wahrscheinlich nutzte man in China und Ägypten bereits im Altertum den Wind, um Fahrzeuge anzutreiben. Heute sind die Landsegler technisch ausgereift: Ultraleichte Materialien und aerodynamische Formen sorgen dafür, dass windbetriebene Fahrzeuge immer schneller werden. Der Weltrekord liegt bei 202,9 km/h – aufgestellt allerdings mit einem Gefährt, das eher einem Raumschiff gleicht als einem Blokart. Ein Blokart wird eine solche Geschwindigkeit wahrscheinlich nie erreichen. Beim Blokart-Fahren gehe es aber nicht darum, besonders schnell zu sein, erklärt McGregor. Hier steht der Spaß im Vordergrund. „Landsegeln bedeutet normalerweise, auf langen Stränden mit riesigen Fahrzeugen zu fahren. Blokarts sind viel kleiner, wendiger und einfacher zu bedienen“, sagt McGregor. Und Andreas Burghardt, der Gründer des österreichischen Blokart-Clubs, vergleicht: „Andere Landsegler sind die Formel-1-Wagen. Das Blokart ist das Gokart unter den Landseglern.“

Unbekannter Familiensport

Paul Becketts Erfindung hat sich bisher fast zehntausend Mal verkauft. In Österreich ist der Sport aber noch weitgehend unbekannt. Vergangenes Jahr gründete Andreas Burghardt den Österreichischen Blokart-Club. Nur zögernd verrät er, dass dieser erst eine Handvoll Mitglieder hat. Die Blokarts, die österreichweit über den Boden segeln, schätzt er auf dreißig Stück.
Aber Burghardt ist zuversichtlich: „Es werden immer mehr Leute, die sich für den Sport interessieren.“
Blokart sei ein Familiensport, sagt Burghardt. Man braucht weder einen Segelschein noch muss man besonders sportlich sein. „Es ist genauso leicht wie Autodrom-Fahren, macht aber viel mehr Spaß.“ Und Burghardt weiter: „Auch Kinder und Rollstuhlfahrer können sich ins Blokart setzen.“

Kein Treibstoff mehr

Hamish McGregor ist überzeugt, dass Blokart-Fahren ein sehr sicherer Sport ist. Trotzdem ist es die Lust am Adrenalin, die ihn für die kleinen Landsegler begeistert: „Du sitzt nur wenige Zentimeter über dem Asphalt. Da fühlen sich dreißig km/h gleich doppelt so schnell an.“ Freestyle-Blokart-Profis machen sogar gesteuerte Überschläge, springen über Schanzen oder wechseln Räder während des Fahrens.
Beim „Austrian Blokart Master“ geht es eher gemächlich zu: Weil der Wind zu schwach ist, müssen die Fahrer manchmal sogar selbst anschieben, um vom Fleck zu kommen. „Ohne Wind kein Fahren“, sagt Burghardt enttäuscht. Dann bläst er in seine Trillerpfeife und bricht wieder einen Durchgang ab. Bei Tee und Bier warten die sieben Fahrer, bis der Wind stärker wird. Sie diskutieren über verschiedene Modelle oder führen neugierigen Spaziergängern eifrig vor, wie die Landsegler funktionieren. Dass Blokart-Fahren bei uns nicht sehr populär ist, zeigt sich auch bei der Meisterschaft: Viele Zuseher haben die Windsegler nicht.

Kufen statt Reifen

Während der Winter für viele Outdoor-Sportler eine Pause vom Lieblingssport bedeutet, freut sich Andreas Burghardt schon auf Minusgrade. Dann wird er nämlich die Räder von seinem Blokart schrauben und durch Kufen ersetzen. Die Blokart-Fans werden im Winter nicht über Asphalt fahren, sondern übers Eis schlittern. „Egal ob Regen oder Sonne, warmes oder kaltes Wetter – es macht einfach immer Spaß“, ist Burghardt begeistert. Dann springt er plötzlich auf und läuft auf sein Blokart zu. Der Wind ist wieder da.

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2009 unter dem Titel „Autodrom mit Segel“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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