Gefährliche Liebschaft. Porträt eines Bombenentschärfers

Peter B. hat ein besonderes Hobby: Sprengstoff. Und der Polizist hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Peter arbeitet als Bombenentschärfer.

Bombenentschärfer Peter vor einer Vitrine mit Handgranaten. (Foto: Lukas Plank)

Vor 33 Jahren hat Peter B. ein Loch ins Hausdach seiner Eltern gesprengt. In seinem kleinen Labor im Dachboden wollte der damals 16-Jährige ein Experiment aus der Schule wiederholen. Die Herstellung von Nitroglycerin. Es ist ihm gelungen. „Leider hab ich zu wenig auf die Temperatur geachtet“, erinnert sich Peter. Sein Brauenpiercing hebt sich beim Grinsen. „Da hat es das Reaktionsgefäß zerlegt. Und auch ein bisschen was vom Hausdach.“ Fernsehverbot und Hausarrest haben nichts genützt: Peter hantiert immer noch mit Sprengstoff. Und er weiß heute ganz genau, wie er Explosionen verhindert.

Lässig lehnt der Bombenentschärfer an einer Vitrine voller Handgranaten. Jeans und Strickpulli, ein Piercing über dem rechten Auge, ein Flinserl im linken Ohr – Peter scheint nicht hierher zu gehören, zu all den Tretminen, Briefbomben und Sprengstoff-Typen, die im Museum des Entschärfungsdienstes ausgestellt sind. Aber wer ihm zuhört erkennt schnell: Das hier ist Peters Welt.

1993 gibt es in Österreich nur vier Entschärfer. Dann explodiert Franz Fuchs‘ erste Briefbombe. Plötzlich braucht der Entschärfungsdienst dringend Verstärkung. Peter bewirbt sich und wird vom Polizisten zum Entschärfer. „So grausam Franz Fuchs war, seine Bomben sind einfach beeindruckend“, ist Peter auch heute noch fasziniert. „Zwei, drei Chemikalien aus der Apotheke und Babyöl – der perfekte Sprengstoff. Das ist genial.“

Nachdenklich steht Peter vor einer der Fuchs-Vitrinen. Über den Briefbomben hängen ausgeschnittene Zeitungsartikel, ein Foto von Franz Fuchs‘ zerfetzten Unterarmen und eine Pinnwand mit Bekennerschreiben von Trittbrettfahrern. „Die Briefbomben-Zeit war unglaublich spannend“, erinnert sich Peter. Er erinnert sich aber auch an ein Telefon, das ständig geläutet hat, an unzählige Überstunden und an Nächte ohne Schlaf. Es war auch eine harte Zeit. „Vor allem für meine Familie“, sagt Peter. Einmal kam er spät nach Hause und schlief im Wohnzimmer ein. Als ihn seine Tochter sah, flüsterte sie: „Mama, da ist ein fremder Mann im Wohnzimmer.“

Die "Blumentopf-Bombe" wurde in Franz Fuchs Wohnung sichergestellt. Unter einer Schicht Erde verbarg sich eine Bombe mit Zeitschaltung, ein Kochtopf mit Schrot und unzählige Nägel. Fuchs wollte den Blumentopf wahrscheinlich bei einer Veranstaltung neben das Rednerpult stellten (Foto: Lukas Plank).
Die „Blumentopf-Bombe“ wurde in Franz Fuchs Wohnung sichergestellt. Unter einer Schicht Erde verbarg sich eine Bombe mit Zeitschaltung, ein Kochtopf mit Schrot und unzählige Nägel. Fuchs wollte den Blumentopf wahrscheinlich bei einer Veranstaltung neben das Rednerpult stellten (Foto: Lukas Plank).

Jugend-Forscht-Unfälle

Heute läutet Peters Arbeitstelefon seltener. Manchmal wird er angerufen, weil ein Bauer alten Sprengstoff in einer Scheune gefunden hat. Oft müssen sichergestellte Feuerwerkskörper fachgerecht entsorgt werden. Und wenn ein berühmter Politiker zu Besuch kommt, muss Peter prüfen, ob das Hotel bombenfrei ist. Immer wieder wird er auch zu tragischen Unfällen gerufen. Denn nicht alle Sprengstoff-Experimente gehen so glimpflich aus wie das seine. „Jugend-Forscht-Unfälle“, nennt Peter die Unglücke. Fünf Tote fordern sie im Jahr.

Peter muss dann herausfinden, was explodiert ist und ob es vielleicht weitere Sprengsätze gibt. Er ist immer einer der Ersten am Unfallort. „Man lernt, abzuschalten. Ich muss mir denken: Ja, da liegt ein Toter. Aber mein Job ist es, herauszufinden, warum er gestorben ist. Irgendwann funktioniert das mechanisch.“

Wappen und geschnitzte Madonna sind tatsächlich getarnter Sprengstoff (Foto: Lukas Plank).
Wappen und geschnitzte Madonna sind tatsächlich getarnter Sprengstoff (Foto: Lukas Plank).

Alltags-Angst

Eine Statue, die aus Sprengstoff geschnitzt ist, Springminen, Rohrbomben. Bereitwillig hält Peter die Ausstellungsstücke vor die Kamera. Er selbst will aber nie ganz auf einem Foto zu sehen sein. Und seinen vollen Namen soll man hier auch nicht lesen. Er habe zwar keine Feinde, sagt er, aber man kann ja nie wissen. Hat Peter Angst, wenn er zur Arbeit geht? „Das Risiko ist selbstverständlich geworden. Es ist Teil der Arbeit.“
Seine Frau ruft Peter immer erst nach den Einsätzen an, um ihr zu sagen, dass alles gut gegangen ist. Damit sie sich davor keine Sorgen machen muss. Ob seine Frau Angst hat? „Ich weiß es nicht. Darüber reden wir nicht. Das Thema wird irgendwie weggelegt.“

In einer Kiste voll Sand sind Tretminen ausgestellt. Peter spannt einen der Stolperdrähte (Foto: Lukas Plank).
In einer Kiste voll Sand sind Tretminen ausgestellt. Peter spannt einen der Stolperdrähte (Foto: Lukas Plank).

Lebens-Faszination

„Diese Jugendlichen standen unter Verdacht, etwas mit den Briefbomben zu tun zu haben“, sagt Peter und zeigt auf ein Bild in einem Fotoalbum. „Dabei haben sie mit dem Sprengstoff nur Halbedelsteine aus dem Fels gesprengt.“ Peter blättert weiter. Begeistert beschreibt er, wie die Jugendlichen Schritt für Schritt ihre Bomben bauen. Aus seinen Augen scheint die gleiche Faszination zu leuchten, mit der vor 33 Jahren dem Chemie-Unterricht gefolgt ist.

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2009 unter dem Titel „Gefährliche Liebschaft“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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