Andreas Mannsberger im Interview:„Man muss Grenzen überschreiten“

Acht ATV-Folgen lang hat Andreas Mannsberger österreichische Männer bei ihrer Frauensuche in Osteuropa begleitet. Der Regisseur von „Das Geschäft mit der Liebe“ im Interview.

"Unser Borat ist der Orsolics" (Foto: Lukas Capek)
„Unser Borat ist der Orsolics“ (Foto: Lukas Capek)

Vier Männer suchen in Osteuropa nach einer Frau. Der 57-jährige Robert Nissel will eine besonders junge, besonders dünne. Mario Orsolics erklärt, die „Frauen im Ostblock“ würden mehr auf ihren Körper schauen als die Österreicherinnen. Peter Langhammer lässt sich nackt mit einer Wodkaflasche fotografieren. Das komme gut an, meint er. Denn: „Russische Frauen trinken Wodka.“ Und wenn sich Manfred Anders bei ukrainischen Singles vorstellt, klingt das so: „Ich bin aus dem Grund hier, weil in Österreich die Frauen schon sehr emanzipiert sind. Ich hoffe, dass ihr es noch nicht seids.“ Durchschnittlich 182.000 Menschen haben laut ATV jedes Mal zugesehen, wenn „Das Geschäft mit der Liebe“ gelaufen ist. Manche halten die Sendung für bissige Satire. Andere sprechen von Frauenfeindlichkeit. Der Regisseur Andreas Mannsberger erzählt, ob es beim Filmen ein Drehbuch gab, warum die Sendung männerfeindlich ist und was er von ethischen Grenzen hält.

In „Ein Leben für die Schönheit“ filmen Sie, wie Frauen die Brüste aufgeschnitten und vergrößert werden. In „Das Geschäft mit der Liebe“ sind Sie dabei, wenn Männer in Osteuropa auf Frauensuche gehen – Haben Sie nie Angst, ethische Grenzen zu überschreiten?
Solange durch die Kamera keine Verbrechen gefördert werden, habe ich solche ethischen Bedenken nicht. Es geht darum, die Realität abzubilden. Wer diesen Job gut macht, muss gewisse Grenzen überschreiten.

Aber in „Das Geschäft mit der Liebe“ wird nicht die ganze Realität abgebildet. Warum die Frauen sich mit den Österreichern treffen und wie die Partnervermittlungsagenturen funktionieren, wird nicht thematisiert.
Das wurde bewusst ausgespart. Mir ging es darum, zu zeigen, wie manche Männer in Österreich denken – und auch, dass ihnen diese Einstellungen viele Probleme bereiten. Die Gleichstellung von Frauen und Männern wird auch heute noch von vielen nicht akzeptiert. Es gibt viele Orsolics in Österreich.

„Das Geschäft mit der Liebe“ ist also nicht frauenfeindlich, sondern männerfeindlich?
Ja, eigentlich schon. Aber das Verhalten der Männer wird nicht gewertet. Sie sollen sich mit ihren Vorstellungen und ihrem Wesen entlarven. Dass das nicht alle Zuseher so wahrnehmen, ist ein Risiko, das man eingehen muss.

Kann man bei „Das Geschäft mit der Liebe“ noch von einer TV-Dokumentation sprechen?
Eigentlich nicht. Für mich ist es eine sehr gewagte Realsatire mit dokumentarischem Hintergrund.

Warum polarisiert die Sendung so sehr?
Weil diese Art der Satire in Österreich neu ist. In England und Amerika gibt es das schon länger – wenn auch durchdachter, mit mehr schwarzem Humor und viel extremer. Unser Borat [Kunstfigur des Komikers Sacha Baron Cohen; Anm.] ist der Orsolics. Ich kann mir sogar vorstellen, dass man mit ihm einen Kinofilm macht. Man reist mit Orsolics nach Sibirien und geht der Frage nach, wie sich ein Wiener wie er in der weiten Welt zurechtfindet… Aber diese Art des Erzählens ist man bei uns nicht gewöhnt. Ich glaube, darum ist „Das Geschäft mit der Liebe“ bei manchen so beliebt und löst bei anderen Brechreiz aus.

Wie waren die Reaktionen aus den Ländern, in denen die Frauen leben?
Dort geht man mit dem Thema viel lockerer um, weil jeder weiß, dass es diesen Heiratstourismus gibt. Und in der Slowakei hat sich sogar ein großer privater Fernsehsender dafür interessiert, die Idee zu übernehmen. Man hat überlegt, die Geschichte aus der Perspektive der Frauen zu erzählen. Aber bisher ist nichts daraus geworden…

Gibt es bei „Das Geschäft mit der Liebe“ ein Drehbuch?
Nein. Die Kunst liegt darin, sehr wachsam auf alles zu reagieren, was rundherum passiert.

In der letzten Folge der ersten Staffel taucht plötzlich eine mysteriöse Frau auf, die in einen der Männer verliebt ist. Aber sie zeigt sich nur mit Kopfbedeckung und Sonnenbrille, weil sie noch verheiratet ist und nicht will, dass man sie erkennt. Wie es mit der geheimnisvollen Frau weitergeht, wird man erst in der zweiten Staffel erfahren. Es fällt schwer, zu glauben, dass das Zufall war…
Das hat wirklich gut gepasst, war aber nicht konstruiert. Die Phantom-Frau ist keine Erfindung, sie ist real.

Müssen die Männer vorgegebene Rollen erfüllen?
Wir haben natürlich gut überlegt, welche Männer wir filmen. Aber sie haben keine Vorgaben bekommen. Die Männer sind so.

Bekommen die Darsteller Geld?
Nein. Bisher nicht. Aber für die zweite Staffel verhandeln sie. Diesmal werden wir vielleicht Reise- und Aufenthaltskosten übernehmen.

Wenn die Darsteller keine Gagen bekommen, was ist dann ihre Motivation?
Die Lust an der Selbstdarstellung. Mich überrascht das immer wieder. Aber viele Menschen treten gern vor die Kamera, wenn sie merken, dass sich jemand für ihr Leben interessiert.

Als die erste Folge ausgestrahlt wurde, wusste fast niemand, wer Peter Langhammer oder Robert Nissel sind. Jetzt sind sie zu Stars geworden…
Ja, das sind sie! Nissel hat mir erzählt, dass er nicht einmal mehr in ein Einkaufszentrum gehen kann. Er steigt aus dem Auto aus und wird belagert. Es gibt eine Druckerei, die T-Shirts mit Nissel-Sprüchen druckt. Orsolics wird manchmal auf der Straße beschimpft und regelmäßig in seinen Stamm-Discos gefeiert. Und bei Langhammer fürchte ich, er könnte den Bezug zur Realität verlieren. Jetzt ist er ein kleiner Star, aber das wird nicht immer so sein. Er könnte in ein tiefes Loch fallen.

Fühlen Sie sich da verantwortlich?
Wenn es ihm nicht so schlimm geht, dass sein Körper und seine Psyche beschädigt werden, kann ich damit umgehen.

Im September soll die zweite Staffel gesendet werden. Laufen die Dreharbeiten schon?
Bald. Diesmal werden sie viel schwieriger sein als bei der ersten Staffel. Einerseits muss den Fans mehr Hintergrund geboten werden. Andererseits sollen auch neue Zuseher angesprochen werden. Es ist ein großer Erwartungsdruck da.

Wird es neue Charaktere geben?
Ja. Und wir werden mehr über den Hintergrund und das Umfeld der Männer erzählen.

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Zur Person:
Andreas Mannsberger (37) ist Produzent und Regisseur. Neben den Sendungen „Das Geschäft mit der Liebe“ und „Ein Leben für die Schönheit“ hat er bei mehreren TV-Reportagen für Spiegel TV, ORF und ATV Regie geführt. Er lebt mit Frau und Kindern in Wien.

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2010 unter dem Titel „Man muss Grenzen überschreiten“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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