Faszination Kampfsport

Kickboxen, Thaiboxen oder Free Fight bedeuten nicht nur hartes Training, sondern oft auch schwere Verletzungen. Was fasziniert Menschen daran, sich gegenseitig zu schlagen?

In einem weißen, fensterlosen Raum stehen zehn junge Männer und wärmen sich auf. Sie machen Liegestützen, springen und boxen in die Luft. Der Boden ist mit bunten Gummimatten ausgelegt. Ein alter CD-Player spielt orientalische Musik. Es riecht beißend nach Schweiß. Die Jugendlichen verschwinden in einer Kammer und kommen mit Boxhandschuhen und Schienbeinschützern zurück; zwischen ihren Lippen glänzt der Mundschutz. Das Thaibox-Training beginnt.

"Action und Adrenalin" (Foto: Lukas Plank)
„Action und Adrenalin“ (Foto: Lukas Plank)

Während die schwitzenden Männer aufeinander einboxen, geht Adnan Sert von Paar zu Paar. Mal korrigiert er eine Fußstellung, mal nickt er anerkennend. Seit sechzehn Jahren ist Sert Thaiboxer. Fünf Mal war er bereits österreichischer Meister und 2002 sogar Weltmeister. „Sicher, es ist ein harter Sport“, sagt Sert. „Aber es geht nicht darum, sich zu verprügeln. Wer Thaiboxen macht, muss sich selbst beherrschen können.“ Warum er die vielen Verletzungen in Kauf nimmt? „Wegen der Action und dem Adrenalin“, erklärt Sert.
Thaiboxen, oder Muay Thai, gilt als eine der gefährlichsten Kampfsportarten. Beim Boxen darf nur mit den Fäusten geschlagen werden. Beim Kickboxen auch mit den Füßen. Beim Thaiboxen sind selbst Schläge mit Ellbogen und Knie erlaubt, auch ins Gesicht. Dabei darf der Gegner sogar festgehalten werden. Nur Free Fight, auch Mixed Martial Arts (MMA) oder Cage Fight genannt, ist noch härter. Bei MMA-Kämpfen dürfen verschiedene Kampfsportarten kombiniert werden und nur wenige Schläge sind verboten.
Zwei der Jugendlichen schlagen besonders schnell aufeinander ein. In Fußtritten und Schlägen liegt eine Wucht, als wollten sie den anderen umbringen. Plötzlich hält einer der beiden inne. „Hey, pass auf, deine Nase blutet“, keucht er besorgt. „Selbst wenn man sich die Zähne einschlägt, entschuldigt man sich danach“, so die Sportpsychologin Ulrike Puhr im Gespräch mit „punkt“. „Wer professionellen Kampfsport betreibt, macht das nicht, weil er andere gerne schlägt“, so Puhr. Die Faszination kann sie nicht erklären. „Warum liebt der eine sein Leben als Bauer? Warum kann sich die andere nichts Schöneres als ihren Job als Kellnerin vorstellen? Es ist eben so“, zieht Pur einen Vergleich.

Aggression bekämpfen

„Es ist einfach Energie pur“, erklärt Armin (16) seine Begeisterung für den Sport. Sedin (22) fasziniert die Technik hinter den Schlägen: „Da steckt mehr dahinter als einfach nur aufeinander einzuschlagen. Das sieht man vielleicht nicht. Aber man muss genau wissen, was man selbst macht und schauen, was der Gegner macht.“ Und für Sascha (15) hat Thaiboxen auch etwas Befreiendes: „Man lässt die Wut raus. Nach dem Thaiboxen bin ich viel ausgeglichener.“
Das hat auch Thomas Bencsik erkannt. Er ist Sportpsychologe und Kickbox-Trainer und setzt Sandsack und Boxhandschuhe zur Aggressionsbewältigung ein. „Wenn jemand extrem unter Spannung steht und sehr aggressiv ist, dann lasse ich ihn so lange in einen Boxsack hauen, bis er genug hat. Erst wenn die aggressive Energie raus ist, kommt das Gespräch. Dann geht es darum, die Ursache für die Aggression zu finden“, erklärt Bencsik „punkt“. Wer thaiboxt, werde nicht aggressiver, sondern ausgeglichener, stellt Bencsik fest: „Ich habe Jugendliche erlebt, die in den Park gegangen sind, um andere zu verprügeln. Dann haben sie mit Thaiboxen begonnen. Jetzt gehen sie regelmäßig zum Training. Der Park interessiert sie nicht mehr.“
Bencsik glaub, dass die Lust am Kampfsport im besonderen Kick liegt. Und auch im Schmerz. „Du weißt: Jeder Fehler wird mit Schmerzen bestraft. Das fordert dich unglaublich, hat aber auch etwas Beflügelndes. Es geht dir ähnlich wie einem Bergsteiger, der ohne Sicherung klettert“, sagt Bencsik. „Außerdem“, so der Sportpsychologe, „entsteht durch den Schmerz ein starkes Körperbewusstsein. Du fühlst dich einfach total.“

"Es ist einfach Energie pur" (Foto: Lukas Plank)
„Es ist einfach Energie pur“ (Foto: Lukas Plank)

Thaibox-Trainer Adnan Sert lässt die Jugendlichen noch eine Runde Sit-ups und Liegestützen machen. Dann ist das Training vorbei. Die einen wischen sich das Gesicht trocken, die anderen reiben sich den Nacken. Manche bleiben noch einige Sekunden regungslos auf den Matten liegen. „Thaiboxen ist ein harter Sport“, stellen sie stolz fest. Lieben manche jungen Männer Kampfsport, weil es ein besonders „harter“, „männlicher“ Sport ist? Sportpsychologe Thomas Bencsik will das nicht ausschließen. „Das liegt aber an unserer Gesellschaft“, erklärt Bencsik, „nicht daran, dass Kampfsport grundsätzlich nur etwas für Männer ist.“ Dem widerspricht auch Profi-Thaiboxerin Jasminka Dizdarevic (Interview). Sie ist außerdem seit zwölf Jahren Thaibox-Schiedsrichterin und hat festgestellt, dass das Publikumsinteresse immer größer wird. „Vor allem Free Fights werden immer beliebter. Je wilder es ist, umso besser gefällt es den Leuten“, so Dizdarevic zu „punkt“. „Früher sind wir jagen gegangen. Heute gehen wir in den Supermarkt. Trotzdem ist dieser Trieb noch in uns. Die Fähigkeit und Neigung zur Gewalt ist ein Überlebenstrieb im Menschen“, sagt Sportpsychologe Thomas Bencsik. Trotzdem glaub er nicht, dass sich Menschen Kampsport nur wegen der Lust an der Gewalt ansehen. „Ein Kampf auf hohem Niveau ist wie ein Tanz. Das ist einfach schön anzusehen.“

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2010 erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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Ein Gedanke zu “Faszination Kampfsport”

  1. Cooler Beitrag,
    Also mir persönlich hat am Kampfsport vor allem immer der Kampf gegen sich selber gut gefallen. Immerhin ist es jetzt auch nicht so leicht, sich gegen einen anderen Boxer in den Ring zu stellen und zu wissen, jetzt wirds ernst. Aber genau dieses Überwinden der Angst hat mich immer fasziniert.

    Lg Christian

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