Kampfsportlerin Jasminka ‚Cive‘ Dizdarevic im Interview: „Wer aggressiv ist, fährt ein“

Jasminka „Cive“ Dizdarevic macht Kampfsport, seit sie zehn ist. Am 8. Mai 2010 wird die 28-Jährige in einen Käfig steigen, zum Cage Fight. „punkt“ hat Cive zum Interview getroffen.

Sie hat sich zahlreiche Knochen und Rippen gebrochen. Einmal die Nase und fünf Mal das Handgelenk. Außerdem blickt Jasminka Dizdarevic auf viele Cuts und blaue Flecken, eine verschobene Wirbelsäule und drei Operationen zurück. Jasminka, unter Kampsportlern und Fans als „Cive“ bekannt, steigt trotzdem immer wieder in den Ring.
Zum Interview mit „punkt“ taucht aber keine große, vernarbte Amazone auf. In Jogginghose und Pullover und mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht wirkt Jasminka Dizdarevic fast zierlich. Nur die Schwielen an ihren Fingern verraten ihre Liebe zum Kampfsport.“punkt“ erzählt sie, warum Thaiboxen nichts mit Aggression zu tun hat, Mitleid trotzdem fehl am Platz ist und wie Kampfsport den Charakter stärkt.

Jasminka Dizdarevic im Kampf (Foto: Jasminka Dizdarevic)
Jasminka Dizdarevic im Kampf (Foto: Jasminka Dizdarevic)

Zwei Jahre konnten Sie nicht kämpfen, weil Ihr linkes Knie und Ihr rechtes Handgelenk so schwer verletzt waren, dass Sie operiert werden mussten. Jetzt kämpfen Sie wieder. Warum tun Sie sich das an? 
Ja, stimmt. Eigentlich sollte ich die Boxhandschuhe nicht einmal mehr ansehen. Aber ich habe keine Schmerzen. Warum sollte ich also aufhören? 

Was ist der Reiz an extremen Kampfsportarten?
Kann ich nicht sagen. Je softer es ist, umso weniger gefällt es mir. Ich möchte immer meine physische Stärke ausnutzen. Weil ich für meine Gewichtsklasse sehr stark bin, ist es von Vorteil, wenn ich möglichst hart fighte. Am liebsten würde ich nur mit den Ellbogen kämpfen!

Im März haben Sie den ersten Muay-Thai-Damen-Kampf gewonnen. Warum war das der erste Kampf dieser Art?
Wir haben nach den echten Muay-Thai-Regeln gekämpft, das bedeutet, dass beim Thaiboxen auch Schläge mit Knien und Ellbogen gegen den Kopf der Gegnerin erlaubt sind. Bisher hat es das nicht gegeben, weil keine Frau bereit war, mit Ellbogen und Knie zu kämpfen.

Wegen der hohen Verletzungsgefahr?
Ja. So ein Ellbogen gegen die Schläfe, das kann schon blöd ausgehen…

Das klingt brutal… 
Es ist auch ein harter Sport. Aber das gehört eben dazu.

Welche Rolle spielt Aggression im Kampfsport?
Aggression ist ganz schlecht für den Ring. Ein aggressiver Mensch fährt meistens ein. Wenn der Gegner ein bisschen mitdenkt, dann hat der Aggressive verloren.

Wehleidig darf man als Thaiboxerin nicht sein. Wie schaut es mit Mitleid aus?
An Mitleid denkst du nicht. Deine Gegnerin hat auch kein Mitleid mit dir. Wenn du im Ring Mitleid hast, hast du verloren.

Verroht man durch Kampfsport?
Im Gegenteil. Kampfsport stärkt den Charakter. Wenn du mit Sport aufwächst, lernst du, fair zu sein. Deine Gegner sind keine Feinde, sondern Partner. Auch das Selbstbewusstsein wird durch den Kampfsport gestärkt. Und wer als Jugendlicher Sport macht, kommt nicht auf blöde Gedanken.

Menschen, die Kampfsport machen, sind brutale Schlägertypen – begegnen Sie diesem Vorurteil oft?
Immer wieder einmal. Dabei sind die härtesten Kämpfer in Wahrheit die liebsten Kerle.

"So ein Ellbogen gegen die Schläfe, das kann schon blöd ausgehen..."  (Foto: Jasminka Dizdarevic)
„So ein Ellbogen gegen die Schläfe, das kann schon blöd ausgehen…“ (Foto: Jasminka Dizdarevic)

Wie sind Sie eigentlich zu dem Namen „Cive“ gekommen?
Ich bin in Serbien geboren. Und man hat mich immer „Crve“ genannt. Das heißt so viel wie kleiner Wurm, Würmchen. Ein kleines Mädchen hat das immer falsch ausgesprochen und „Cive“ gesagt. Und seitdem ist das mein Spitzname und seit einiger Zeit auch mein Kampfname.

Als Sie zehn Jahre alt waren, haben Sie mit Karate begonnen. Seit Sie sechzehn sind, machen Sie Thaiboxen. Was hat sie dazu getrieben?
Ich habe als Kind immer mit meiner älteren Schwester gerauft. Sie war vier Jahre älter als ich und ich habe immer verloren. Eines Tages hab ich mir gedacht: So, jetzt lerne ich eine Kampfsportart, dann werde ich sie endlich einmal besiegen…

Vor ziemlich genau fünf Jahren haben Sie in einem Interview gesagt, dass sie mit zirka 28 Jahren mit dem Thaiboxen aufhören müssen. Jetzt sind Sie 28 und feiern Ihr Comeback…
Stimmt. Für heuer sind schon einige Kämpfe geplant. Ich werde das mit dem Thaiboxen wohl noch ein bisschen verlängern…

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Cage Fight

Beim Cage Fight, auch Mixed Martial Arts (MMA) oder Free Fight genannt, kämpfen zwei Menschen in einem Käfig gegeneinander. Dabei dürfen unterschiedliche Kampfsportarten kombiniert werden.

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2010 unter dem Titel „Wer aggressiv ist, fährt ein“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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