Die mit dem Wolf dreht

Am Wolf Science Center im Wildpark Ernstbrunn erforschen Wissenschaftler das Verhalten von Wölfen. Und sie gehen der Frage nach, wie sehr sich Wölfe von Hunden unterscheiden. Die Regisseurin Barbara Fally-Puskás hat Wölfe, Hunde und Wissenschaftler eineinhalb Jahre lang mit der Kamera begleitet. Jetzt kommt ihr dreiteiliger Dokumentarfilm „Mit Wölfen unter einer Decke“ ins Fernsehen.

Am 17. Mai 2009 sitzt Barabara Fally-Puskás im Flugzeug von New York nach Wien. Auf ihrem Schoß liegt ein junger Wolf. Während Tatonga neugierig umherblickt, lehnt sich Barbara erschöpft in den Flugzeugsitz zurück. Sie hat eine anstrengende Woche hinter sich. Rund viereinhalbtausend Kilometer ist sie gemeinsam mit vier Wolfswelpen, ihrem Filmteam, einer Wolfsforscherin und einer Wolfstrainerin durch Amerika gefahren, von Montana nach New York, in einem viel zu kleinen Auto. Denn keine Fluglinie war bereit, die vier Wolfswelpen für einen Inlandsflug an Bord zu nehmen. „Wir fuhren Tag und Nacht“, erinnert sich Barbara Fally-Puskás heute, „Natürlich konnten wir nicht einfach irgendwo übernachten – oft war es notwendig, das Motelzimmer zuerst in einen Aufzuchtsraum umzuwandeln.“ Und die Wolfstrainerin Bea Belényi erinnert sich: „Um die Teppichböden nicht zu beschmutzen, haben wir auch manchmal gemeinsam mit den Tieren im Badezimmer übernachtet.“

Da die Welpen erst wenige Tage alt waren,  mussten sie außerdem alle drei bis vier Stunden gefüttert werden. „Mit Wasser aus der Plastikflasche und Milchpulver haben wir ihnen ein Fläschchen gemacht. Das haben wir dann in einem Fläschchenwärmer gewärmt, den wir über den Zigarettenanzünder betrieben haben“, so Bea Belényi. „Das war schon eine sehr anstrengende Reise…“

Fläschchen im Flugzeug

Zahlreiche schlaflose Nächte und ein kaputtes Auto später sitzen Filmteam, Wolfsexpertinnen und Wölfe endlich im Flugzeug nach Österreich. Während die Stewardessen Milchfläschchen wärmen, versuchen Tatonga und Nanuk, die beiden älteren jungen Wölfe, das Flugzeug zu erkunden, wollen spielen oder gekrault werden. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt: Immer mehr Fluggäste durchsuchen ihr Gepäck nach Fotokameras. Eine Passergierin schaut der Regisseurin kritisch über die Schulter und will wissen, was das denn für Tiere sind. „Ach, das sind nur kleine Hunde“, beruhigt Barbara Fally-Puskás. Da erklärt die Frau plötzlich, dass sie auf Hunde allergisch ist. „Das war schon eine brenzlige Situation“, erinnert sich die Regisseurin. „Hätte die Frau sich beschwert und einen Hustenanfall bekommen, hätten wir wohl wieder aussteigen müssen… Aber wir konnten sie zum Glück beschwichtigen. Die Welpen sind ja so klein gewesen, dass sie noch keine Allergien ausgelöst haben. Sie haben ja noch kein Haar verloren.“

Auf die vier Wolfswelpen sind aber nicht nur viele neugierige Blicke und Digitalkameras gerichtet, sondern auch eine richtige Filmkamera – „Mit Wölfen unter einer Decke“ heißt der Dreiteiler von Barbara Fally-Puskás. Eineinhalb Jahre lang haben sie und ihr Filmteam die vier Wölfe begleitet und die Wissenschaftler vom Wolf Science Center (WSC) im Wildpark Ernstbrunn (NÖ) bei ihrer Arbeit gefilmt. Der erste Teil der Doku handelt vor allem von den vier Welpen und ihrer Reise von Amerika nach Österreich. Er zeigt den Alltag der Tiere und wie sie trainiert werden. Im zweiten Teil widmet sich das Filmteam dem Vergleich von Wölfen und Hunden. Und der dritte Teil erzählt unter anderem von den wissenschaftlichen Ergebnissen des Forschungszentrums. Das Filmteam hat dabei nicht von weitem, aus „sicherer Entfernung“ gedreht, sondern war von der Reise durch Amerika bis hin zu den Experimenten im WSC immer ganz nah dabei. Gefährlich war das nie, stellt die Regisseurin klar. „Wölfe sind keine reißenden Bestien. Aber man muss trotzdem aufpassen. Die Gefahr ist allerdings weniger, dass man zerfleischt wird, sondern dass sich die Wölfe Unarten angewöhnen. Dass sie anfangen, alles Unbekannte einer Materialprobe zu unterziehen und dir beim Filmen an der Hose herumzupfen…“

Wölfe ganz privat

Wölfe können schwierige Aufgaben schneller und eigenständiger lösen als Hunde. Und sie vertrauen dem Menschen weniger. Aber die Wissenschaftler vom WSC haben auch festgestellt, dass sich zwischen Wölfen und Menschen durchaus so etwas wie Freundschaften entwickeln können. „Das ist schon beeindruckend, wenn ein skeptischer alter Wolf langsam immer mehr Vertrauen gewinnt und sich plötzlich kraulen lässt“, erinnert sich die Regisseurin. Und Wölfe können auch ziemliche Schlitzohren sein. Da ist es schon ein paar Mal vorgekommen, dass sich ein übermütiger Wolf den Mikrofonschutz geschnappt hat und damit weggelaufen ist. Und immer wieder musste der Tonmeister mit herumtollenden Welpen um seine Kabel kämpfen. „Wenn die Wölfe einen Mikrofonschutz erbeutet haben, wird dieser natürlich zum bewachten Statussymbol unter den Tieren“, erklärt Barbara Fally-Puskás schmunzelnd. „Da muss man dann oft lange warten, bis man ihn sich wieder holen kann…“

Kann man unter diesen Umständen überhaupt einen Dokumentarfilm drehen? Manchmal sei das Filmen schon eine Herausforderung gewesen, meint Barbara Fally-Puskás. „Aber wir wollten ja keinen üblichen Dokumentarfilm machen, sondern immer ganz nah bei den Tieren sein. Eigentlich ist es eher eine Doko-Soap.“ Deswegen findet man die Szenen, in denen die Wölfe mit dem Filmteam spielen, auch im fertigen Film. Und viele Gespräche mit den Wissenschaftlern sind nicht geplant gewesen, sondern erst beim Filmen aus der Situation entstanden.

Vom kleinen Projekt zur dreiteiligen Doku

Über fünfzig Drehtage haben Barbara Fally-Puskás und ihr Team die Wölfe und Hunde vom WSC begleitet. Jeder Drehtag dauerte dabei zehn Stunden oder länger. Um ganz nah bei den Tieren sein zu können und möglichst flexibel zu sein, wurde mit einer relativ kleinen Filmkamera gedreht. Während der Kameramann filmte, versuchte der Tonmeister mit zahlreichen Mikrofonen jeden Ton einzufangen – schließlich wusste das Filmteam nie genau, wo sich vielleicht plötzlich etwas Interessantes ereignen würde. Dabei mussten Filmcrew und Wissenschaftler stets darauf achten, dass die Forschung rund um das Lernen und Verhalten der Wölfe und Hunde nicht beeinträchtigt wurde. „Experimente, die einfach zu beeinflussen gewesen währen, wurden während der Drehtage nicht gemacht“, erklärt Friederike Range, Tierverhaltensforscherin der Universität Wien und Co-Direktorin des WSC. „Manche Versuche haben wir für die Kamera wiederholt. Oder wir haben die Kamera einfach selbst in einer Ecke aufgestellt und sie ist unbemerkt mitgelaufen.“ Dem Filmteam brachte das zahlreiche weitere gute Szenen. Und eine Menge Arbeit. „Der Cutter hatte am Ende hunderte Stunden Filmmaterial zum Schneiden. Ich glaube, er konnte schon keinen Wolf mehr sehen“, scherzt die Regisseurin. Was als kleines Filmprojekt begonnen hat, ist mittlerweile zu einer aufwendigen Filmproduktion angewachsen. „Aber wir mussten die Kamera einfach laufen lassen. Denn wir haben ja nie gewusst: Was kommt als nächstes? Passiert vielleicht gleich etwas Spannendes?“

Wölfe und Hunde faszinieren Barbara Fally-Puskás schon lange. Sie hat auch schon einen Film über Straßenhunde  gedreht. Trotzdem hat sie durch die Arbeit mit den Wölfen viel gelernt. „Mir war nicht bewusst, dass Wölfe so unglaublich aufmerksam sind. Da liegt einer der Wölfe in der hintersten Ecke des Geheges. Und trotzdem beobachtet er jede einzelne deiner Bewegungen und weiß ganz genau, was du gerade machst.“ Auch von den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Wölfe ist sie fasziniert. „Während sich Aragorn, einer der älteren Wölfe, genüsslich kraulen lässt, ist Kaspar, der Leitwolf, nie völlig entspannt und passt immer auf.“

Als Barbara Fally-Puskás damals ins Flugzeug stieg und sich auf den Weg nach Amerika zu den Wolfswelpen machte, wusste sie nicht, wie intensiv die kommenden eineinhalb Jahre werden sollten. „Die Fahrt durch Amerika war anstrengend, aber eigentlich nichts im Vergleich zu der Fertigstellung des Films“, sagt Barbara Fally-Puskás heute und grinst. Trotzdem ist die Regisseurin überzeugt: Sie würde auch heute sofort wieder ins Flugzeug steigen.

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2010 erschienen im „Universum Magazin“.

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