Jugendliche Flüchtlinge: Jung, heimatlos und unerwünscht

Sie flüchten aus ihrem Heimatland und hoffen auf eine bessere Zukunft. In Österreich werden junge Asylwerber in „Jugendwohnhäusern“ betreut – bis sie Achtzehn sind

Am 1. Mai 2008 verliert Ali R. seine Familie. Terroristen bombardieren das Haus seiner Eltern. Seine Mutter, sein Vater, seine drei Schwestern und zwei seiner Brüder sterben. Nur Ali und ein Bruder überleben. Sie sind zufällig bei ihrem Onkel zu Besuch, als der Anschlag verübt wird. Die beiden Brüder müssen aus dem Irak flüchten.

Zwei Jahre später sitzt Ali auf einem Plastiksessel in einem Zimmer im ersten Stock des Jugendwohnhauses für unbegleitete minderjährige Fremde in Linz. Ein Fenster, ein Schrank, zwei Sessel, ein Tisch und ein Bett. Früher, im Irak, hatte Ali ein großes Zimmer samt Fernseher und Computer. Er besaß sogar ein eigenes Auto. Nun muss er von zweihundert Euro im Monat leben. „Jetzt, wo ich in Sicherheit bin, hätte ich gern mein schönes Leben zurück. Aber das geht nicht. Mein schönes Leben ist vorbei“, sagt Ali auf Englisch. Und dann flüstert er: „Als ich herkam, hab ich Gott gedankt. Ich dachte, nun würde ein neues Leben beginnen. Aber das war falsch.“

Früher hatte Ali ein großes Zimmer. Heute muss er mit wenig Platz auskommen (Foto: Jakob Plank)
Früher hatte Ali ein großes Zimmer. Heute muss er mit wenig Platz auskommen (Foto: Jakob Plank)

Auszug mit Achtzehn

Ali ist einer von achtzehn Jugendlichen, die in dem Haus leben. Wie er sind sie aus ihrer Heimat geflohen, aus dem Irak, aus Afghanistan, Somalia, Gambia oder der Mongolei. „Viele wissen nicht, ob ihre Eltern noch am Leben sind“, sagt Nadja Kasapi-Nawar im Gespräch mit „punkt“. Einmal in der Woche kommt die Psychologin zu dem Jugendwohnhaus und redet mit den Jugendlichen. „Manche empfinden eine Überlebensschuld und fragen sich: Warum habe ausgerechnet ich überlebt? Viele haben mit Schlafstörungen und Depressionen zu kämpfen.“ Neben psychologischer Betreuung sei wichtig, dass die Jugendlichen beschäftigt sind, so Kasapi-Nawar. Deutschkurse, Fußballspielen und Kinobesuche lenken die Jugendlichen von ihren traumatischen Erlebnissen ab.

Das Handgelenk legt den Geburtstag fest

Nächstes Jahr, wenn Ali achtzehn wird, wird es keine Gespräche mit der Psychologin mehr geben. Kinobesuche wird er sich vielleicht nicht mehr leisten können. Und alle Aktivitäten außerhalb des Flüchtlingsheimes muss er sich dann selbst organisieren. Denn spätestens einen Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag muss Ali ausziehen. Dann muss er in ein Heim für erwachsene Asylwerber. Das bedeutet weniger Geld und keine individuelle Betreuung. „Das ist eine enorme emotionale Belastung für die Jugendlichen“, so Nadja Kasapi-Nawar. „Ich möchte gerne bei meinem jüngeren Bruder bleiben“, sagt Ali. „Aber du kannst nichts gegen das System machen.“

Eine Küche im Jugendwohnhaus. Leben ohne Luxus (Foto: Jakob Plank)
Eine Küche im Jugendwohnhaus. Leben ohne Luxus (Foto: Jakob Plank)

Von den 20 Plätzen, die das Haus hat, sind zwei frei. Und es könnten bald mehr werden, fürchten die Betreuer. Seit 1. Jänner 2010 wird jugendlichen Asylwerbern das Handgelenk geröntgt. So soll festgestellt werden, ob die Jugendlichen tatsächlich noch minderjährig sind. Das Innenministerium gibt an, dass die Zahl an Asylwerbern 2010 zwar insgesamt zurückgegangen sei, bestätigt auf „punkt“-Anfrage aber, dass die neue Altersfeststellung zu weniger jugendlichen Asylwerbern geführt hat.
„Im März haben wir den letzten Klienten bekommen“, so Siavash Panah, Flüchtlingsbetreuer des Jugendwohnhauses, zu „punkt“. „Im Sommer werden einige der Jugendlichen, die bei uns wohnen, volljährig. Bisher schaut es nicht so aus, als ob ihre Plätze nachbesetzt werden“, sagt Panah. Spätestens im Herbst könnten deswegen die ersten Wohnhäuser zusperren, fürchtet Heinz Fronek von der Asylkoordination Österreich, einem Verein von Migranten und Flüchtlingshilfsorganisationen, im Gespräch mit „punkt“. „Die Altersfeststellung scheint zwar seriös zu sein“, so Fronek. „Tatsächlich werden viele Jugendliche aber älter gemacht, als sie sind.“ Für Fronek drängt sich der Verdacht auf, dass dies bewusst geschieht. „Erwachsene Asylwerber sind in der Betreuung billiger. Und sie können leichter abgeschoben werden.“ Das Innenministerium widerspricht diesem Vorwurf. „Asylwerber behaupten oftmals nur, minderjährig zu sein, um die besonderen Verfahrensgarantien und Betreuungsstandards in Anspruch nehmen zu können“, so Ministeriumssprecher Rudolf Gollia zu „punkt“.
Wenn Ali Pech hat, muss auch er sein Alter feststellen lassen. Denn stichprobenartig werden auch Jugendliche zur Altersfestellung geholt, die bereits längere Zeit in Österreich leben.
Ali möchte in Österreich zur Schule gehen und arbeiten. Er möchte sich ein neues Leben aufbauen. Stattdessen muss er auf seinen Asylbescheid hoffen. „Du hast nichts. Du kommst in dieses Land und bittest um Hilfe. Und dann musst du warten.“

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2010 unter dem Titel „Jung, heimatlos und unerwünscht“ erschienen in „punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien“.

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