Eisige Welten – An den beiden Enden der Welt

Extreme Kälte. Unbarmherzige Stürme. Schnee und Eis, soweit das Auge reicht. Trotzdem sind die Polarregionen voll faszinierender Tiere und Landschaften. Eine Universum-Doku bringt Arktis und Antarktis nun ins Wohnzimmer.

1983 zeigt das Thermometer bei der Forschungsstation Wostok minus 89,2 Grad Celsius. Es ist die niedrigste offiziell bestätigte Außentemperatur, die auf der Erde gemessen wurde. Zum Vergleich: Im Gefrierfach eines Kühlschranks ist es rund minus 18 Grad Celsius kalt. 1997 sollen sogar minus 91,5 Grad Celsius gemessen worden sein, der Wert ist allerdings nicht offiziell bestätigt. Diese schwer vorstellbare Kälte ist auch für die Wostok-Station extrem – für gewöhnlich werden hier, knapp 1.300 Kilometer vom geografischen Südpol entfernt, zwischen minus 30 und minus 70 Grad Celsius gemessen. Doch die Rekordtemperatur gibt einen Eindruck davon, wie unwirtlich die Antarktis sein kann. Die Gründe für die niedrigen Temperaturen sind vielfältig. Die Sonnenstrahlung trifft an den Polen in einem sehr flachen Winkel auf, zusätzlich wirken die Eisflächen wie ein riesiger Spiegel und reflektieren einen großen Teil des Lichts. Außerdem kann Wasserdampf hier nicht als Treibhausgas wirken, weil er gefroren ist. Und die Antarktis liegt sehr hoch – ihr höchster Punkt, der Gipfel des Mount Vinson, liegt sogar knapp 4.900 Meter über dem Meeresspiegel. Für die siebenteilige Universum-Dokumentation Eisige Welten mussten die Filmer unter anderem spezielle Kameras einsetzen, um selbst bei großen Minustemperaturen drehen zu können. Der Produzent Alastair Fothergill, der unter anderem bereits für die Dokumentarfilmreihe Planet Erde verantwortlich war, sah sich außerdem mit einem weiteren Problem konfrontiert. Denn selbst wenn es unerträglich kalt ist, sieht die Landschaft durch die Kamera oft mild und freundlich aus. Eine der größten Herausforderungen sei es daher gewesen, „die Kälte zu zeigen und den Menschen eine Ahnung von dieser Welt zu gebe“, sagt Fothergill in einem Interview mit dem britischen Reisemagazin Wanderlust.

Die große Kälte ist jedoch längst nicht die einzige Herausforderung, auf die sich Tiere und Menschen einstellen müssen. So wehen vom Südpol eisige Fallwinde Richtung Meer, die 300 km/h und schneller werden, Schneekristalle aufwirbeln und für völlige Orientierungslosigkeit sorgen können. Zu Kälte, Eis und Wind kommt eine außergewöhnliche Trockenheit. Denn obwohl die fast 14 Millionen Quadratkilometer des antarktischen Kontinents fast völlig mit Eis bedeckt sind, schneit es nur sehr selten. In den eisfreien antarktischen Trockentälern fällt sogar weniger Niederschlag als in der Sahara. Außergewöhnlich ist in der Antarktis nicht nur das Klima, sondern auch Tag und Nacht. Während des Sommers geht die Sonne über dem Südpol sechs Monate nicht unter und im Winter herrscht ein halbes Jahr lang Dunkelheit.

Arktis und Antarktis

Polarnacht und Polartag gibt es zwar auch am Nordpol, die Umweltbedingungen sind hier aber nicht ganz so rau wie in der Antarktis. Anders als am Südpol, wo das Eis rund 2.800 Meter misst, ragt es am Nordpol nur wenige Meter hoch. Während die Antarktis ein Kontinent ist, erstreckt sich die Arktis vom Nordpol aus über das Nordpolarmeer und Teile von Nordamerika, Asien und Europa. Zur Gänze der Arktis zugehörig ist Grönland. Die größte Insel der Welt ist größtenteils mit bis zu drei Kilometer dickem Eis bedeckt. Damit ist die grönländische Eisfläche einer der größten Süßwasserspeicher der Erde. In der Arktis kann man im Sommer sogar mit Temperaturen über dem Gefrierpunkt rechnen – und seit rund 20 Jahren wird es in Teilen der Arktis deutlich wärmer. Die Folgen des Klimawandels sind vielfältig und betreffen Pflanzen, Tiere und Menschen. Schmilzt das Packeis, können Eisbären beispielsweise nicht mehr richtig jagen. Der britische Naturfilmer und Forscher David Attenborough, der in der englischen Originalfassung als Erzähler durch Eisige Welten führt, zeigt sich im englischen Wochenmagazin Radio Times erschüttert von den Auswirkungen des Klimawandels, unter anderem in Grönland: „In den vergangenen 30 Jahren ist die Temperatur hier um fünf Grad Celsius angestiegen und die Fließgeschwindigkeit der Gletscher hat sich verdoppelt oder sogar verdreifacht.“ Wenn Grönland immer grüner und der grönländische Eisschild kleiner wird, könnte das unter anderem dazu führen, dass der Meeresspiegel steigt und die Insel außerdem in Zukunft viel höher aus dem Nordatlantik ragt. Die Polarinsel hebt sich jährlich an einigen Stellen um rund vier Zentimeter. Eines Tages könnte sie bis zu einem Kilometer „emporgewachsen“ sein.

Überlebenskünstler im Eis

Oberhalb der Meeresoberfläche, weitab von den Küsten, ist die Antarktis beinahe unbelebt. Eis, Stürmen, Dunkelheit und Süßwassermangel können nur wenige Gräser, Pilze und Moose trotzen. Besondere Überlebenskünstler sind Flechten. Bereits 400 Kilometer vom Südpol entfernt konnten Wissenschaftler die ersten Exemplare entdecken. Manche Flechten schaffen es sogar noch bei minus 20 Grad Celsius, durch Fotosynthese Energie zu gewinnen. Die Fauna an Land zeigt sich ähnlich karg und faszinierend zugleich. Milben, Mücken, zahlreiche Einzeller und Bärtierchen bevölkern das Eis. Die winzigen Bärtierchen – sie sind meist weniger als einen Millimeter groß – können in einem speziellen Ruhezustand sogar Temperaturen weit unter minus 200 Grad Celsius überleben.

An den Stränden zeigt sich jedoch ein anderes Bild; sie sind von Seevögeln, Pinguinen und Robben bevölkert. Und unter der Wasseroberfläche wird die Antarktis zum Paradies. Schwämme, die in den unterschiedlichsten Farben bis zu zwei Meter emporwachsen, Seegurken, Seesterne, Korallen, Kleinkrebse, Wale und zahlreiche Fische sind nur wenige der Meeresbewohner. Um in der großen Kälte zu überleben, wenden die Tiere zahlreiche „Tricks“ an. So produzieren unter anderem einige Fische und Algen besondere Eiweiße, die Eiskristalle am Wachsen hindern und so als „Frostschutzmittel“ wirken. Manche Fische schlagen der Kälte mit besonders dünnflüssigem Blut ein Schnäppchen. Und arktische Springschwänze verfügen über eine Art „Gefriertrocknungs-Mechanismus“: Sobald es den wenigen Millimeter großen Tierchen zu kalt wird, erstarren sie, geben alles Wasser ab und verschrumpeln. Wird es wärmer, nehmen sie wieder Wasser in sich auf und erwachen zum Leben. Angesichts der vielen magischen Orte, die uns in heutigen Kinofilmen gezeigt werden, sei es verblüffend, „dass es auf unserem Planeten, in der Wirklichkeit, so viele Schauspiele gibt, von denen so mancher verrückte Typ aus Hollywood nur träumen kann“, so Alastair Fothergill zum Magazin Wanderlust.

Diebstahl, Pilgerschaft und Prostitution

Die berühmtesten Bewohner der Antarktis sind aber wohl die Pinguine. 18 verschiedene Arten gibt es heute – und jede hat ihre Besonderheiten. Unter Eselspinguinen ist es zum Beispiel weit verbreitet, Steine zu stehlen. Immer wieder stibitzen sie ihren Nachbarn Steine  vom Nest, um damit das eigene zu verschönern. Auch die Adéliepinguine nehmen einander gerne Steine weg. Manche weiblichen Adéliepinguine bieten anderen Pinguinen aber auch Sex zum Tausch für das beliebte Baumaterial an. Königspinguine können Futter bis zu drei Wochen lang in ihrem Magen lagern – und zwar unverdaut. Kaiserpinguine dagegen sind für ihre Pilgerschaft und Zähheit bekannt. Wenn der Winter hereinbricht, machen sie sich jedes Jahr auf Wanderschaft. Bis zu 200 Kilometer wandern sie weg vom Meer durchs Eis. Kein anderes Wirbeltier hält es so lange im antarktischen Inlandeis aus wie diese Pinguine. Die beschwerliche Reise müssen die Kaiserpinguine aufnehmen, weil es bei ihnen besonders lange dauert, bis aus einem Ei ein selbstständiger Pinguin geworden ist. Um sicherzugehen, dass den kleinen Pinguinen im Frühjahr und Sommer nicht das Eis unter den Füßen taut, ziehen die Pinguine daher in die Kälte.

Perfekte Wärmedämmung

So, wie die Pinguine zur Antarktis gehören, gehören die Eisbären zur Arktis. Die Raubtiere haben eine Körperlänge von bis zu 3,40 Metern und ein Gewicht von bis zu 800 Kilogramm. Der Körper des Tieres hat sich perfekt an die Kälte angepasst. So sind viele Haare ihres dichten Fells hohl und sorgen damit für eine gute Wärmedämmung. Die Haut der Eisbären ist schwarz, wodurch Lichtstrahlen besonders gut aufgenommen werden. Und unter der Haut wärmt sie eine fünf bis zehn Zentimeter dicke Fettschicht. Durch dieses System geben Eisbären fast keine Wärme ab – sogar auf Infrarotkameras sind sie nicht zu erkennen. Fell und Haut wappnen Eisbären aber nicht nur gegen Kälte, sondern sorgen außerdem für guten Auftrieb im Wasser. Trotz Größe und Gewicht bewegen sich Eisbären aber alles andere als plump. Die breiten Pfoten eines Eisbären erzeugen weniger Druck pro Quadratzentimeter als ein Menschenfuß. Wenn das Eis besonders dünn ist, legt sich der Eisbär auf den Bauch, breitet die Hinterbeine aus und zieht sich mit den Vorderpfoten weiter. So kann ein Eisbär selbst Eisflächen überqueren, die für einen Menschen zu dünn wären. Da Eisbärenweibchen nur alle drei Jahre Junge bekommen, herrscht unter den Männchen starke Konkurrenz. Um die Kämpfe zwischen Eisbärmännchen mit der Kamera ideal einfangen zu können, filmten die Kameraleute von Eisige Welten sogar auf Schneemobilen und aus Helikoptern.

Neben den Eisbären haben sich zahlreiche andere Tiere an das Leben in der Arktis angepasst. Unter anderem zum Beispiel Rentiere, Polarwölfe, Schneehasen und Schneehühner. Moschusochsen können sich sogar von trockenen Ästen ernähren und ihre Pupillen ideal an grelles Licht oder Dunkelheit anpassen. Im Winter wachsen außerdem ihre Hufe an den Rändern, wodurch sie einen guten Halt in Eis und Schnee haben. Wenn sie im Sommer über harten Untergrund gehen, werden die Hufe dagegen wieder eben geschliffen.

Menschen in Eis und Schnee

Die Arktis ist schon seit langer Zeit bewohnt. Heute leben hier rund eine Million Menschen, wobei etwa 160.000 von ihnen Inuit sind. Diese bevölkern den Nordosten Sibiriens, den Norden Nordamerikas und Grönland, wo sich die nördlichsten Inuit-Ansiedlungen befinden. Mittlerweile leben die meisten Inuit in Siedlungen und auch früher hausten sie eher selten in Schneehäusern. Für längere Aufenthalte bauten sich die Inuit Unterkünfte, die hauptsächlich aus Steinen und Gras sowie Walknochen und Tierfellen bestanden. Iglus dienten meist nur als vorrübergehende Winterbehausung. Weil es fast unmöglich ist, in diesen Gegenden Getreide anzubauen, ernährten sich die Inuit lange vor allem von Tieren. Hundeschlitten und Kajaks brachten die Jäger durch Schnee und Eis und mit Harpunen und Pfeil und Bogen erlegten sie Robben, Eisbären und andere Tiere.

In der Antarktis leben keine Ureinwohner, hier sind Abenteurer und Wissenschaftler die einzigen Menschen. Trotz gesammeltem Wissen und moderner Technik ist die Arbeit als Forscher in Arktis und Antarktis nicht ganz ungefährlich. Auf Spitzbergen, wo rege Arktisforschung betrieben wird, gehen die Menschen häufig nicht ohne Waffe aus dem Haus – denn immer wieder kommen Eisbären in die Nähe der Forschungsstationen. Vor allem in der Antarktis müssen die Wissenschaftler auch häufig gegen starke Schneeverwehungen kämpfen. So wurde zum Beispiel die Station Neumayer II zwischen 1992 und 2009 14 Meter tief unter Schnee begraben, sodass eine neue Station in Betrieb genommen werden musste (Neumayer III). Außerdem müssen es die Bewohner aushalten, lange von Mitmenschen isoliert zu leben und zu arbeiten, zudem oft in Dunkelheit und großer Eintönigkeit. Um all das zu ertragen, muss man wohl tief von den Polarregionen der Erde beeindruckt sein. Vielleicht so wie Roald Amundsen, jener Polarforscher, der vor hundert Jahren als erster Mensch den Südpol erreichte und angesichts der Arktis schrieb: „Glänzend weiß, strahlend blau, rabenschwarz: So leuchtet das Land im Sonnenlicht, märchenhaft schön. Spitze an Spitze, Gipfel an Gipfel, zerklüftet, wild, wie kein anderes Land der Erde – so liegt es da, unbeachtet und unberührt, gefährlich und verführerisch.“

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2011 leicht verändert erschienen im „Universum Magazin“.

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