Jenseits von Rot und Violett

Mikrowellen, Infrarotstrahlung, Ultraviolett- und Röntgenstrahlung können wir mit unseren Augen nicht sehen. Die neue Universum-Dokumentation Grenzen des Lichts macht die vielfältige elektromagnetische Strahlung nun in beeindruckenden Bildern sichtbar.

Der Computerbildschirm zeigt eine Landschaft wie aus einem Science-Fiction-Film. Dunkle Baumstämme ragen in einen rosa Himmel, strahlend weiß leuchten die Blätter der Bäume und in der Ferne liegt ein dunkler See. Doch die Szene zeigt keinen fantastischen Planeten, sondern den Traunsee. Dass dieser so unwirklich erscheint, liegt daran, dass er im nahen Infrarot-Bereich gefilmt wurde. Dieser Bereich elektromagnetischer Strahlung ist für das menschliche Auge normalerweise unsichtbar, wie auch alles andere, was jenseits der Wellenlänge des sichtbaren violetten und roten Lichts liegt. Über diese „Grenzen des Lichts“ blicken die Regisseure Alfred Vendl und Steve Nicholls in ihrer neuen Universum-Doku. „Der nahe Infrarot-Bereich fasziniert mich ganz besonders“, sagt Alfred Vendl. Sein Bildschirm zeigt nun eine junge Frau in einem Sonnenblumenfeld, das gespenstisch weiß leuchtet. „Die grüne Natur ist hier schneeweiß, weil die Blätter die Infrarotstrahlung offensichtlich vollkommen reflektieren.“

Unsichtbares sichtbar machen

Neben Aufnahmen im nahen Infrarot-Bereich zeigt der Film Szenen in Ultraviolettstrahlung sowie Thermo- und Röntgen-Aufnahmen. So werden unter anderem die sogenannten Saftmale sichtbar, mit denen Blumen Insekten den Weg zum Nektar zeigen. „Das sind sozusagen Landebahnkennzeichnungen für Bienen“, erklärt Alfred Vendl. „So erkennen sie, wo sie landen müssen, um an den Blütenstaub zu gelangen.“ Greifvögel orientieren sich bei der Jagd an Urinspuren von Mäusen, die nur in Ultraviolettstrahlung sichtbar sind. Und auch für viele andere Tiere ist elektromagnetische Strahlung, die für uns unsichtbar ist, überlebenswichtig. „Grenzen des Lichts ist aber kein Wildlife-Film“, sagt Alfred Vendl. Ihm gehe es vor allem darum, Wissenschaft verständlich und das Unsichtbare sichtbar zu machen. So werden nicht nur erstaunliche Szenen aus dem Tierreich gezeigt. Unter anderem machen aufwändige 3D-Animationen das Phänomen Licht verständlich und die Filmemacher zeigen, wie Wissenschaftler die unterschiedlichen Arten elektromagnetischer Strahlung entdeckten.

Für Alfred Vendl ist es nicht der erste Film, in dem er sich mit Vorgängen beschäftigt, die sich unseren Sinnen entziehen. In der preisgekrönten Universum-Doku Grenzen der Wahrnehmung zeigte Vendl Bereiche, die für die menschliche Wahrnehmung normalerweise zu klein oder zu groß sind. In dem ebenfalls mehrfach ausgezeichneten Film Grenzen der Zeit setzte er sich mit Vorgängen auseinander, die extrem schnell oder langsam sind. Und nun, im letzten Teil der Trilogie, untersucht er die Grenzen des Lichts. „Ich fasse das unter einem Wissensgebiet zusammen, das ich ,Science Visualisation‘ nenne“, sagt Vendl.

Wissenschaft und Ästhetik

Mit Wissenschaft beschäftigt sich Alfred Vendl nicht nur in seinen Filmen: Er ist der Vorstand des Instituts für Kunst und Technologie und Leiter der Abteilung für technische Chemie mit Schwerpunkt Science Visualisation der Universität für Angewandte Kunst in Wien. In seinen Filmen will er aber keine wissenschaftlichen Vorträge halten und dazu Bilder zeigen. „Ich sehe die Bilder immer zuerst“, sagt Vendl, der vor Jahren als Kameramann begann und einst Experimentalfilme drehte. „Und nur wenn es unbedingt notwendig ist, will ich, das ‚dazugequatscht‘ wird.“ Ist es also weniger die Wissenschaft, sondern die Kunst, die bei Vendls Filmen im Mittelpunkt steht? „Ich will schon dazu beitragen, dass Leute, die diese wissenschaftlichen Themen nicht intensiv studieren können, trotzdem ein Bild davon bekommen.“ Wissenschaftliche Exaktheit und ästhetische Bilder zugleich – diese Forderung stellte das Filmteam immer wieder vor Herausforderungen. „Es ist zum Beispiel sehr schwierig, Licht in einer dreidimensionalen Grafik darzustellen“, sagt Vendl. „Schließlich hat es Reinhold Fragner aber geschafft, so etwas Kompliziertes wie ein Wellenlängenbündel sichtbar zu machen.“ Um die gewünschten bewegten Bilder in Ultraviolett- und Infrarotstrahlung zu zeigen, musste Alfred Vendl außerdem Kameras umbauen lassen oder aus dem Ausland importieren. „Und beim Drehen selbst war der apparative Aufwand natürlich viel höher als gewöhnlich“, erinnert sich der Regisseur. Oft musste mit unterschiedlichen Kameras gleichzeitig gefilmt werden, sodass später ein fließender Übergang von einem Wellenlängenbereich in den anderen möglich war. Außerdem war das Filmteam stark vom Wetter abhängig: „Bei trübem Licht ist der Anteil an Ultraviolettstrahlung geringer, was UV-Aufnahmen schwierig macht.“

Abschluss einer Trilogie

Vor mehr als einem Jahrzehnt hat Alfred Vendl mit dem ersten Teil der Trilogie begonnen. Und erst jetzt kommt der letzte Teil ins Fernsehen. Das liegt vor allem daran, dass es schwierig war, das nötige Budget aufzustellen. „Für ,Grenzen des Lichts‘ war dieser Umstand aber vielleicht sogar ein Segen“, sagt Vendl. „Denn die Technik erlaubt es erst seit kurzer Zeit, solche Aufnahmen zu machen. Vor einigen Jahren wäre der Film in dieser Form wahrscheinlich nicht möglich gewesen.“ Alfred Vendl öffnet auf seinem Computer weitere Bilder, die einzelne Szenen aus dem Film zeigen. Der Wissenschaftler Friedrich Wilhelm Herschel, wie er die Infrarotstrahlung entdeckt. Isaac Newton, der das Licht in seine Spektralfarben spaltet. Eine Infrarot-Thermoaufnahme des Stephansplatz. Und wieder eine dieser unwirklichen Landschaften. „Ich würde ja gerne einmal einen Spielfilm im nahen Infrarot-Bereich drehen“, sagt Alfred Vendl und lacht. Einen vierten Teil wird es nach Grenzen des Lichts nicht geben. „Die Trilogie ist damit abgeschlossen“, sagt Vendl. „Reinhold Fragner und ich überlegen aber, einmal einen Film über die Grenzen der Energie zu machen. Energie ist ja nicht immer sichtbar. Das in bildlicher Form darzustellen, wäre interessant…“

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2011 erschienen im „Universum Magazin“.

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