Die verborgene Vielfalt

Eine fleischfressende Pflanze, die mit ihren Blättern bis zu zwei Liter Flüssigkeit sammeln kann, um ihre Beute zu fangen und zu verdauen. Eine Tiefseequalle, die bis zu einem Meter groß wird. Eine armlange Stabschrecke…– Was sich wie das Notizbuch eines Fantasy-Autors liest, sind tatsächlich nur wenige der Tier- und Pflanzenarten, die Wissenschaftler in letzter Zeit entdeckt haben. 

„Gehen Sie in einen Wald und nehmen Sie einen Teelöffel voll Erde. Wenn Sie die genau untersuchen, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass eine neue Art dabei ist.“ – Damit fasst Manfred Jäch, Experte für Taxonomie am Naturhistorischen Museum Wien, zusammen, wie wenig wir über die Artenvielfalt auf unserem Planeten wissen. Jedes Jahr entdecken Wissenschaftler rund 15.000 neue Tier- und Pflanzenarten und knapp zwei Millionen Organismen sind heute wissenschaftlich beschrieben. Tatsächlich gibt es aber vermutlich rund zehn Millionen Arten; einige Experten gehen sogar von 30 Millionen und noch mehr aus. Während Wirbeltiere vergleichsweise gut erforscht sind und bei ihnen nur selten neue Arten entdeckt werden, kennt man unter anderem nur einen Bruchteil aller existierenden Bakterien, Pilze, Viren und Fadenwürmer.

Riesen-Orchidee

Manche der neuentdeckten Tiere und Pflanzen beeindrucken auf den ersten Blick. So zum Beispiel die sogenannte Phragmipedium kovachii. Vor etwa zehn Jahren kaufe Joseph Michael Kovach an einem Stand in Peru drei Exemplare dieser Orchideenart. Eine vergleichbare Orchidee hatte er noch nie zuvor gesehen: Die Pflanze war ungewöhnlich groß und ihre intensiv rosafarbenen Blüten maßen mehr als 15 Zentimeter. Der Orchideen-Sammler aus Virginia importierte die Pflanze illegal nach Amerika. Kovach wurde dafür verurteilt, die Orchidee trägt aber bis heute seinen Namen – und fasziniert Züchter auf der ganzen Welt. Heute wird die Pflanze in Peru nachgezüchtet und Sämlinge können legal erstanden werden. So soll verhindert werden, dass Orchideenliebhaber die Pflanze rücksichtslos aus dem Land schmuggeln und ihren natürlichen Bestand gefährden. „Die Sämlinge dieser Orchidee werden in einigen Gärtnereien angeboten und ihr Preis sinkt dadurch stark. Heute macht sich niemand mehr die Mühe, die Pflanze in der Natur auszugraben“, sagt Alois Handlbauer. Wenn eine seiner Orchideen der Art Phragmipedium kovachii blühen wird, werde er mit rund 100 Euro nur mehr einen Bruchteil dessen bekommen, was die Pflanze einst auf dem Schwarzmarkt wert war, vermutet der Orchideenzüchter aus Oberösterreich. „Aber das stört mich nicht. Mir ist nur wichtig, dass die Pflanze möglichst viel vermehrt wird“, sagt er. „Und wir ‚Orchidioten‘ haben einfach eine große Freude mit ihr.“

Top-Ten der entdeckten Arten

In der  Universum Dokumentation Neue Wunder der Natur wird die Orchidee Phragmipedium kovachii als eine der zehn außergewöhnlichsten Arten präsentiert, die im vergangenen Jahrzehnt entdeckt wurden. Die Kannenpflanze Nepenthes palawanensis findet man ebenfalls auf der Liste. Sie formt mit ihren Blättern eine Art Krug, in dem sie bis zu zwei Liter Flüssigkeit sammeln kann. Fällt ein kleines Tier in diesen „Krug“ der fleischfressenden Pflanze, ertrinkt es meist und wird verdaut. Manchmal können Kannenpflanzen aber auch Frösche, Mäuse oder sogar Ratten „fressen“.

Faszinierend ist auch die Stabschrecke Phobaeticus chani. Das bislang längste bekannte Insekt der Welt misst fasst 57 Zentimeter. Das Zwergfaultier (Bradypus pygmaeus) lebt nur auf einer Insel vor der Nordküste Panamas. Es ist kleiner und sanftmütiger als andere Faultiere und ernährt sich vermutlich ausschließlich von Mangroven-Blättern. Experten gehen davon aus, dass nur 100 bis 200 Exemplare dieser Tierart existieren, daher ist das Zwergfaultier auch vom Aussterben bedroht.

Doch nicht alle entdeckten Arten verblüffen den Laien sofort. So unterscheidet sich jener Schmetterling der Familie der Wurzelbohrer, den Peter Huemer vergangenes Jahr genau untersuchte, äußerlich nur minimal von einem Schmetterling, den die Wissenschaft bereits seit dem 18. Jahrhundert kennt. Nachdem der Zoologe die DNA einiger Exemplare genauer untersuchte, stellte er jedoch fest, dass es sich dabei um Vertreter zweier unterschiedlicher Arten handelte. „Ich dachte mir: ‚Das gibt’s doch nicht!‘. Da schauen sich Wissenschaftler 250 Jahre etwas oberflächlich an – und plötzlich das!“, sagt Huemer. „Ich hatte ein Gefühl wie Vasco da Gama auf einer Entdeckungsreise.“ Peter Huemer und seine Kollegen gehen nun davon aus, dass die untersuchte Wurzelbohrer-Art tatsächlich aus mehreren Arten besteht und arbeiten an einer wissenschaftlichen Publikation dazu.

Schätze in Museum, Natur und auf dem Markt

Peter Huemers Entdeckung zeigt, dass sich Wissenschaftler nicht immer durch unwegsame Landschaften kämpfen müssen, um eine neue Art zu finden. Man kann davon ausgehen, dass etliche Funde unerforscht in Museen lagern und darauf warten, entdeckt zu werden. „Die Tendenz ist, dass sich der Mensch eher für besonders attraktive Pflanzen und Tiere interessiert als für optisch weniger interessante“, stellt Huemer fest. Dass man Exemplare, die nach Expeditionen in Museen aufbewahrt werden, häufig nicht genauer untersucht, läge aber auch daran, dass das nötige Personal fehle. „Allerdings steht Europa deutlich besser da als zum Beispiel Nordamerika. Dort ist der Stand der Bearbeitung noch geringer“, relativiert Huemer.

Wer in der Natur eine neue Art entdecken will, muss die Expedition systematisch planen und meist sehr spezielle Ausrüstung einsetzen. Wachsen in einer bestimmten Region Pflanzen, die man anderswo nicht finden kann, so ist beispielsweise zu vermuten, dass man hier auch auf neue Tierarten trifft. „Wir setzen heutzutage nachts auf besondere Beleuchtungstechniken, um die gesuchten Falter zu finden“, erklärt Huemer. „Auch künstliche Sexualduftstoffe sind wichtige Hilfsmittel.“

Neue Arten werden aber nicht immer auf gut vorbereiteten Forschungsreisen entdeckt oder dadurch, dass Wissenschaftler Museumsbestände genauer unter die Lupe nehmen. So entdeckten deutsche Biologen vor einigen Jahren bei einem Medizinmann in Vietnam eine unbekannte Schlangenart – Die Dreihorn-Grubenotter (Triceratolepidophis sieversorum) war in einer Flasche mit Schlangenschnaps eingelegt. Die Laotische Felsenratte (Laonastes aenigmamus) entdeckte man auf einem Markt in Laos, wo sie neben anderen Lebensmitteln als gegrillter Snack angeboten wurde. Und vor rund zehn Jahren fanden Wissenschaftler mitten im Central Park in New York einen unbekannten, winzigen Hundertfüßer (Nannarrup hoffmani).

Eine Art wird getauft

Wenn eine neue Art entdeckt wird, kann es oft lange dauern, bis sie wissenschaftlich beschrieben wird. Vermutet ein Forscher, dass er ein Exemplar einer neuen Tierart in Händen hält, sollte er zunächst Kollegen kontaktieren, die sich auf ähnliche Arten spezialisiert haben. Dieser untersucht zunächst die Gestalt des Tieres genau und vergleicht es mit anderen Exemplaren. „Dann schaut man sich meist das Genitalorgan genauer an“, erklärt Manfred Jäch. „Da findet man oft enorme Unterschiede, gerade bei Käfern. Das ist dann beinahe ein 100-prozentiger Hinweis, dass es sich um zwei verschiedene Arten handelt.“ Darüber hinaus analysieren die Wissenschaftler auch Teile der DNA des Tieres. Wenn man sicher ist, dass die Art der Wissenschaft unbekannt ist, kann man sie beschreiben, benennen und die Entdeckung einer Fachzeitschrift schicken. Diese prüft, holt Gutachten ein und wenn sie die Beschreibung veröffentlicht, ist die neue Art wissenschaftlich bestätigt.

Welchen Namen die Art trägt, bleibt demjenigen überlassen, der sie beschreibt. Der erste Teil des Namens wird allerdings von der Gattung vorgegeben. Eine Art nach sich selbst zu benennen, ist unter Experten tabu. Häufig benennt man die Art nach äußerlichen Merkmalen oder nach Kollegen. „Viele Arten sind auch nach der Freundin des Wissenschaftlers benannt“, sagt Ingrid Viehberger, Sprecherin des Naturhistorischen Museum Wien und lacht. Wie einige andere Museen bietet das Naturhistorische Museum Wien Patenschaften für neue Arten an – Namensgebung inklusive. Für rund 1.500 Euro könne man so eine Art nach sich oder Freunden benennen, erklärt Viehberger. „Der Name sollte aber nach Möglichkeit auf Lateinisch oder Griechisch getrimmt werden.“

Mosaiksteine in einem Kunstwerk

Es wird wohl nie möglich sein, alle Tier- und Pflanzenarten zu bestimmen. Spektakuläre Funde wie die Orchidee Phragmipedium kovachii, die Kannenpflanze Nepenthes palawanensis oder das Zwergfaultier sind selten. Häufig unterschieden sich verschiedene Arten äußerlich nur sehr wenig voneinander. Wozu also die viele Mühe? „Wenn wir eine Art zum Aussterben bringen, nehmen wir ein Mosaiksteinchen aus einem riesigen Kunstwerk“, sagt Peter Huemer. „Wenn wir nicht möglichst alle Tier- und Pflanzenarten kennen und wissen, in welchen Beziehungen sie stehen, können wir nicht sagen, welche Auswirkungen das haben kann.“ Auch bei der Schädlingsbekämpfung und neuartigen Krankheiten sei es wichtig, viel über die Arten auf unserem Planeten zu wissen, so Huemer. „Ich halte es auch für das Überleben der Art Homo Sapiens wichtig, dass wir möglichst alle Tier- und Pflanzenarten erfassen.“

____________________

2012 erschienen im Universum Magazin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s