Geordnetes Abenteuer – Manfred Jäch im Porträt

Manfred Jäch ist Zoologe am Naturhistorischen Museum Wien und hat sich auf Wasserkäfer spezialisiert. Er hat zahlreiche Expeditionen in über 40 Länder unternommen, bisher etwa 1.000 neue Käferarten entdeckt und rund 400 wissenschaftlich beschrieben. 

Keine Vitrinen mit fremdartigen Käfern, keine gerahmte Bilder von Dschungellandschaften und auch kein Bücherregal, das die vielen Publikationen präsentiert. In Manfred Jächs Arbeitszimmer kann man das Abenteuer nur schwer erahnen. Die Unordnung beschränkt sich auf wenige Stapel von Büchern und Papier. Wenn der Wissenschaftler eine bestimmte Veröffentlichung sucht, findet er sie nach wenigen Handgriffen in einem der hölzernen Regale. Seine eigenen Publikationen hat er in einem Word-Dokument aufgelistet, von eins bis 274 – ein Stichwort genügt und wenige Klicks später erscheint die gesuchte Datei auf dem Bildschirm. „Wenn man taxonomische Forschung betreibt, also systematisch erfassen will, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen Lebewesen stehen, muss man eher ein ordnungsliebender Typ sein“, sagt Jäch. Und er ergänzt: „Es gibt hervorragende Taxonomen, die nie auf einer Expedition waren und nur mit Material von Kollegen gearbeitet haben.“ Forscherdrang, Abenteuerlust und Basiswissen reichen selten aus, um neue Arten zu beschreiben. Um sicher zu sein, das es sich tatsächlich um eine neue Art handelt, benötigt man sehr spezielles Wissen. Bei rund 400.000 verschiedenen Käferarten kann niemand den Überblick bewahren. „Man muss in der Lage sein, zu einem bestimmten Bereich alles Wissen im Kopf zu haben – oder zumindest genau wissen, wo man nachlesen kann. Wenn man sich auf eine Gruppe spezialisiert, braucht man meist mehrere Jahre, um sich einzuarbeiten – vor allem, um die wichtigste Literatur zusammenzutragen“, sagt Jäch.

Rund 3.000 neue Käferarten pro Jahr

Als Spezialist für Wasserkäfer ist der Österreicher mit Käfer-Experten auf der ganzen Welt vernetzt. Und er steht auch mit Kollegen in Kontakt, die sich mit anderen Tierarten beschäftigen. Dieses globale Netzwerk aus hochspezialisierten Zoologen ist effektiv – so werden zum Beispiel jedes Jahr rund 3.000 Käferarten beschrieben. Aber das Netz hat auch Löcher: „Es gibt Gruppen, die werden stiefmütterlich behandelt“, bestätigt Jäch. Dabei handle es sich meist um besonders seltene Tierarten, bei denen einem Spezialisten schnell das Forschungsmaterial ausgehen würde. Auch für sehr unspektakuläre Arten oder solche, die schwer zu bestimmen sind, gäbe es nur wenige Experten, erklärt Jäch. „Fadenwürmer sind zum Beispiel etwas ganz Fades. Sie sind sehr klein und es gibt so wahnsinnig viele verschiedene von ihnen. Sie zu bestimmen ist wirklich sehr mühsam.“

Im Gegensatz zu den Fadenwürmern ist die Artenvielfalt der Wasserkäfer vergleichsweise gut erforscht. 2008 ist Manfred Jäch gemeinsam mit Michael Balke von der Zoologischen Staatssammlung München in einer Veröffentlichung zu dem Schluss gekommen, dass es etwa 18.000 Arten von Wasserkäfern gibt. Immerhin rund 70 Prozent von ihnen sind heute bereits wissenschaftlich beschrieben.

Manfred Jäch schließt die Liste mit seinen Publikationen und  öffnet einen Ordner mit Fotos von Expeditionen. Und plötzlich wird klar, dass das geordnete Arbeitszimmer nur die eine Seite seiner Arbeit als Käferexperte ist. Die aufregendste Forschungsreise sei jene zur Insel Seram in Indonesien gewesen, erinnert er sich. Zu Fuß habe er im Jahr 1989 mit zwei Kollegen die gesamte Insel durchquert, eine ganze Wochen lang. „Das war ein teilweise wegloser Dschungel. Wir haben niemanden gefunden, der uns führen wollte; es war allen Einheimischen zu anstrengend“, meint Jäch ohne Stolz in der Stimme. „Je ungestörter das Gebiet ist, umso größer ist die Artenvielfalt meist. Da wird es natürlich oft abenteuerlich, keine Frage.“

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2012 unter dem Titel „Geordnetes Abenteuer“ erschienen im Universum Magazin.

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