Mensa: Der IQ-Klub

Wer dem Verein „Mensa“ beitreten will, muss einen IQ von mindestens 130 haben – und damit intelligenter sein als rund 98 Prozent aller Menschen. 

"Das sind ja ganz normale Gespräche hier."
„Das sind ja ganz normale Gespräche hier.“

Neun Frauen und Männer mit einem IQ über 130 sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Wer jetzt an philosophische Fragen oder mathematische Rätsel denkt, liegt falsch. Bei Cocktails, Saft und Tortillas wird in einem mexikanischen Restaurant in Wien über Kinder, Facebook, Beziehungen, die Arbeit und die Speisekarte gesprochen. „Ich habe damals auch gedacht, da kommen bestimmt lauter hochgeistige, tolle Gespräche zusammen, aber das ist ja gar nicht so. Das sind ja ganz normale Gespräche hier“, sagt Herbert und lacht. Neugierde habe ihn zu „Mensa“ gebracht, erklärt er. „Ich fand das Konzept interessant: Es gibt kein gemeinsames Interesse. Bei einem Gärtner- oder Autoverein ist das anders.“ Die Vielfalt sei hier größer als bei den meisten Vereinen, meinen auch die anderen am Tisch. „Also wir diskutieren wirklich alles“, sagt Claudia. „In Deutschland gibt es sogar eine Special Interest Group, in der sich Sado-Maso-Anhänger treffen – die KlapSIG.“

Zutritt nur über 130

Eine KlapSIG sucht man auf der Website von Mensa Österreich vergeblich. Dafür gibt es viele andere Special Interest Groups (SIGs): In der BuchSIG treffen sich Bücherfreunde und in der TarockSIG Tarock-Spieler. In der FedSIG (Federation Special Interest Group) fachsimpeln Fans über Star Trek und die EsSIG, die derzeit Herbert organisiert, trifft sich immer wieder zum Essen und Plaudern. Ruhend gestellt ist derzeit die RailSIG, die Special Interest Group für Eisenbahninteressierte.

„Man kann davon ausgehen, dass die anderen die Witze verstehen“

Irene ist seit acht Jahren Mensa-Mitglied.
Irene ist seit acht Jahren Mensa-Mitglied.

Auf der Website weist Mensa Österreich darauf hin, dass die meisten SIGs Schnupper-Besucher herzlich willkommen heißen. Und auch beim monatlichen „Mensa-Café“ können Neugierige vorbeischauen. Wer allerdings bei allen Veranstaltungen oder der Facebook-Gruppe dabei sein will, muss Mitglied sein. Das bedeutet, dass man für 44 Euro einen Intelligenz-Test machen und einen Wert über 130 erreichen muss. Der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) liegt bei 100. Einen IQ von 130 oder höher erreichen nur rund zwei Prozent der Bevölkerung. Jedes Jahr machen zwischen 40 und 100 Interessierte in Österreich den Test. Wie viele von ihnen die 130er-Hürde schaffen, will Mensa Österreich nicht verraten. Insgesamt hat der Verein knapp 600 Mitglieder in Österreich. Rund 70 Prozent sind Männer. Das Durchschnittsalter liegt zwar bei etwa 40 Jahren (jüngstes Mitglied: sieben Jahre, ältestes Mitglied: 90 Jahre), in den letzten Jahren sind allerdings besonders viele Jugendliche und Studierende beigetreten. 44 Euro kostet die Mitgliedschaft im Jahr, für Studierende sind es 33 Euro. „Heute findet der Aufnahmetest ja auf der Uni statt. Als ich ihn machte, waren wir bei einer Mensianerin zuhause. Die Frau hatte eine ganz kleine Wohnung und dort saß man am Küchentisch und musste den Test machen“, erinnert sich Herbert. Seinen genauen Intelligenzquotienten will er nicht verraten. Keiner am Tisch spricht gerne über den eigenen IQ.

„Sozial ist sie nicht reifer als andere“

Maja (links) und Eva (rechts) sind vor allem durch ihre Kinder zu Mensa gekommen.
Maja (links) und Eva (rechts) sind vor allem durch ihre Kinder zu Mensa gekommen.

Warum ist es so wichtig, die Intelligenz der Mitglieder zu messen? „Es ist schön, wenn man mit jemanden diskutieren kann, ohne jeden dritten Satz noch einmal erklären zu müssen“, beschreibt Irene. Sie hat ihren Aufnahmetest vor acht Jahren gemacht. „Man kann davon ausgehen, dass die anderen die Witze verstehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich mit jemanden unterhält, der auf der gleichen Wellenlänge ist, ist größer.“ Eva ist Mensa vor einem Jahr beigetreten. Sie versteht es, wenn Außenstehende etwas skeptisch sind. „Es wirkt schon seltsam, dass man einen Verein gründet mit dem Selbstzweck, dort nur die Intelligenteren zusammenzubringen.“ Obwohl sie schon länger wusste, dass sie einen überdurchschnittlichen IQ hat, wollte Eva lange nicht Mitglied werden. „Ich hab mir gedacht, das sind lauter elitäre Menschen.“ Erst als sich bei ihrer Tochter eine Hochbegabung herausgestellt hatte, begann sich Eva genauer mit Mensa zu beschäftigen. Heute sagt sie, dass sich ihre Skepsis nicht bestätigt habe.

Ein hoher IQ ist nicht immer ein Vorteil

Raphaela (links) und Claudia (rechts).
Raphaela (links) und Claudia (rechts).

Wie Eva sind auch viele andere Mensianer durch ihre Kinder zu Mensa gekommen. Majas Tochter verwirrte ihre Kindergärtnerin einst damit, dass sie mit drei Jahren Bücher las. Die Lehrer von Herberts Tochter legten ihm nahe, sie eine Schulstufe überspringen zu lassen. „Das haben wir bewusst nicht gemacht“, sagt er. „Denn sozial ist sie nicht reifer als andere. Und zum Zweiten: Ist doch super, wenn sie nachhause kommt und sich nicht mit Hausaufgaben plagen muss, sondern den Nachmittag anders verbringen kann.“ Auch Maja stellte sich immer wieder die Frage, wie sie mit der Hochbegabung ihrer Tochter umgehen soll. Ihre heutige Einstellung fasst sie so zusammen: „Meine Tochter kann mir später vorwerfen, ich hätte sie nicht genug gefördert. Oder sie kann mir vorwerfen, ich hätte ihr die Kindheit weggenommen. Was kann sie später nachholen?“

Ein hoher IQ ist nicht immer ein Vorteil
Ein hoher IQ ist nicht immer ein Vorteil.

Wer intelligent ist, hat es manchmal auch schwerer als andere. Hochbegabte langweilen sich häufig in der Schule und die Mitmenschen reagieren nicht immer positiv auf einen hohen IQ. „Manche Leute fürchten sich ein bisschen. Es ist eine gewisse Barriere da“, sagt Irene. Sie hat nur sehr guten Freunden erzählt, dass sie Mitglied bei Mensa ist. „Das ist nichts, mit dem man hausieren geht. Das will ja niemand hören, da sagt doch jeder: ‚Angeber!'“ Raphaela sieht das anders. „Die Leute können das bei mir ruhig wissen“, sagt sie. „Das ist halt so. Das heißt ja nicht, dass ich besser oder schlechter bin. Wenn jemand ein Problem damit hat, ist das nicht mein Problem.“ Für sie war der überdurchschnittliche IQ immer ein Vorteil, ist sie sich sicher. Erst auf der Uni habe sie für Prüfungen lernen müssen. Beruflich sei ein hoher IQ nicht unbedingt ein Vorteil, meinen einige am Tisch. „Es gibt ja das Vorurteil, Mensa sei ein Netzwerk, um beruflich weiterzukommen“, sagt Herbert. „Das ist überhaupt nicht so. Man denkt sich vielleicht: Das sind alles superintelligente Leute, die müssen wahnsinnig erfolgreich sein. Aber das ist überhaupt nicht der Fall.“ Wenn er für EsSIG ein Restaurant aussucht, müsse er immer darauf achten, dass die Preise auf der Speisekarte nicht zu hoch sind.

Maja hebt einen Serviettenhalter vom Tisch und dreht ihn in den Händen. Plötzlich genießt die kleine Vase aus Ton die meiste Aufmerksamkeit im Raum. Wie wurde sie hergestellt? Warum ist sie nicht gesprungen, als man den Schlitz für die Servietten schnitt? Wurden die Blümchen aufgemalt, bevor der Schlitz geschnitten wurde oder danach? „Neugierig sein und ständig Fragen stellen – ganz typisch für einen Mensianer“, sagt Maja und lacht.

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Der Mensa-IQ-Test

Mensa Österreich plant einen Online-Test, bei dem man abschätzen kann, wie man bei einem Mensa-Intelligenztest abschneiden wird. Wie der Intelligenztest genau aufgebaut ist, will Mensa nicht öffentlich machen. Einen Eindruck von Intelligenztests geben die Online-Tests der deutschen und der dänischen Mensa-Website. Im Online-Kalender von Mensa Wien scheinen kommende Veranstaltungen sowie die Mailadressen der Veranstalter auf.

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2011 unter dem Titel „Der IQ-Klub“ erschienen in “punkt – dem magazin des fh-studiengangs journalismus wien”.

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