Schlaf und Bewusstsein: Nächtliches Blackout

Was passiert mit unserem Bewusstsein, wenn wir einschlafen? Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler, diese Frage zu beantworten. Erste Ergebnisse geben eine Ahnung davon, wie komplex die Antwort ist.

Und plötzlich sind wir weg. Gerade haben wir noch ferngesehen, Zähne geputzt, das Licht ausgemacht und uns in die Decke gekuschelt. Stunden später holt uns der Wecker wieder aus dem Schlaf. Vielleicht können wir uns noch kurz an den letzten Traum erinnern. Aber das meiste, was in der vergangenen Zeit geschehen ist, bleibt uns ein Rätsel. Wo sind wir, wenn wir schlafen? Wo ist unser Ich, wenn wir nicht träumen? Und wozu verlieren wir unser Bewusstsein, wenn wir einschlafen?

Fragen wie diese können selbst Wissenschaftler, die sich intensiv mit Schlaf und Bewusstsein auseinandersetzen, nicht klar beantworten. „Das sind genau jene Bereiche, die bisher fast nicht untersucht wurden“, sagt Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. Eines scheint aber festzustehen: Das Bewusstsein wird beim Einschlafen nicht „ausgeschaltet“, so wie wir das Licht abdrehen. Vielmehr wird es schrittweise „heruntergefahren“ und verändert sich während des Schlafs immer wieder. Und mittlerweile weiß man auch, dass das Bewusstsein nicht in einem bestimmten Hirnareal entsteht, sondern dadurch, dass mehrere Areale miteinander vernetzt sind. „Globale Verfügbarkeit von Information ist das, was ich als Bewusstsein erlebe“, sagt Manuel Schabus von der Universität Salzburg. Je besser verschiedene Bereiche im Gehirn vernetzt sind, umso bewusster sind wir. Wesentlich ist dabei auch, wie effizient das Netzwerk funktioniert. Michael Czisch vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München erklärt das mit folgendem Bild: „Stellen Sie sich eine Diskussionsrunde von 200 Leuten vor. Wenn jeder mit jedem spricht, führt das zu Chaos. Es muss kleine Arbeitsgruppen geben und Gruppensprecher, die sich untereinander austauschen.“

 Das „Bewusstseinsnetzwerk“

Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass das sogenannte Default Mode Network (DMN) besonders wichtig für unser Bewusstsein ist. Das DMN ist vor allem dann aktiv, wenn wir uns mit Erinnerungen beschäftigen, tagträumen oder über zukünftige Ereignisse nachdenken. Wie sich das DMN im Schlaf verändert, sahen sich Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut 2011 an. Sie stellten fest, dass sich bereits im leichten Schlaf Teile der Hippokampusformation aus dem Netzwerk lösen, gefolgt vom präfrontalen Cortex; Verknüpfungen zu Arealen im posterioren Cingulum und einem Teil des parietalen Cortex gehen ebenfalls zurück. „Die Ergebnisse der Studie passen zu früheren Untersuchungen aus der Anästhesie, zu Komazuständen und Hirnverletzungen“, sagt Studienleiter Michael Czisch. Ist das DMN also unser Bewusstsein? Vermutlich nicht. „Man weiß mittlerweile, dass auch betäubte Ratten ein DMN haben. Und man würde wohl kaum sagen, dass eine betäubte Ratte zu einer höheren kognitiven Leistung wie dem Bewusstsein fähig ist.“ Trotzdem, sagt Czisch, sei das DMN vermutlich eines der wesentlichen Netzwerke für das menschliche Bewusstsein.

In anderen Studien stellten Wissenschaftler fest, dass der Thalamus beim Einschlafen deutlich weniger aktiv ist. Die Ergebnisse legen nahe, dass er ebenfalls daran beteiligt ist, dass wir nachts das Bewusstsein verlieren. „Durch den Thalamus laufen quasi alle äußeren Sinneseindrücke“, erklärt Michael Czisch. „Es macht Sinn, dass er beim Einschlafen weniger Informationen weiterleitet, sonst würden wir durch jedes vorbeifahrende Auto geweckt werden.“

Traumbewusstsein

Die Forscher vom Max-Plack-Institut haben das DMN nur während des sogenannten Non-REM-Schlafs untersucht. Czisch vermutet aber, dass das DMN während des traumreichen REM-Schlafs aktiver wird. Wenn wir während des REM-Schlafs träumen, haben wir wieder ein Bewusstsein. Dieses „Traumbewusstsein“ unterscheidet sich aber deutlich vom Wachbewusstsein. Einerseits nehmen wir uns selbst war, andererseits hinterfragen wir bizarre Situationen nicht und erinnern uns an vieles nicht mehr. Das könnte daran liegen, dass der präfrontale Cortex während des REM-Schlafs weniger aktiv ist. Der präfrontale Cortex ist unter anderem wesentlich daran beteiligt, wenn wir Entscheidungen fällen oder über uns selbst und unsere Handlungen nachdenken. „Damit fehlt der große ‚Zensor'“, sagt Czisch. „Und wir hinterfragen nicht mehr, was wir im Traum erleben.“

Manchmal wissen wir aber, dass wir träumen. Die Fähigkeit, Träume bewusst zu erleben und zu steuern, kann man auch trainieren. Menschen, die einen sogenannten „Klartraum“ oder „luziden Traum“ haben, schlafen, sind zugleich aber bei Bewusstsein. Studien legen nahe, dass der präfrontale Cortex beim Klarträumen wieder aktiver ist. „Dadurch kann man die eigene Traumwelt kontrollieren“, sagt Manuel Schabus. „Die Rolle des präfrontalen Cortex ist überbewertet“, entgegnet Brigitte Holzinger. Sie stellte 2006 in einer Studie fest, dass bei Klarträumen gegenüber herkömmlichen Träumen vor allem der linke Parietallappen aktiv ist. Holzinger warnt davor, einzelne Hirnareale oder bestimmte Netzwerke als Sitz unseres Bewusstseins zu sehen. „Man muss sich außerdem immer wieder die Frage stellen: Was meinen wir genau, wenn wir von ‚Bewusstsein‘ sprechen?“

Was ist Bewusstsein?

Der Begriff hat viele Facetten: Sinneseindrücke erleben. Denken, planen und erinnern. Bewusstsein als Gegensatz zum Unbewussten. Bewusstsein als Wissen um die eigene Identität… Die zahlreichen Bedeutungen machen es schwierig, Bewusstsein im Schlaf zu untersuchen und beispielsweise klare Grenzen zwischen Wach- und Traumbewusstsein zu ziehen. „Was das Traumbewusstsein häufig vom Wachbewusstsein unterscheidet, ist die Fähigkeit, sich zu erinnern“, sagt Michael Czisch. Trotzdem könne man daraus nicht ableiten, dass wir nur dann bewusst sind, wenn wir auf Erinnerungen zugreifen können. „Menschen, die Alzheimer haben, können sich vielleicht nicht daran erinnern, was sie vor zwei Stunden gemacht haben. Ein Bewusstsein besitzen sie selbstverständlich trotzdem.“ Und Brigitte Holzinger weist auf die Schlafwahrnehmungsstörung hin. Hier glauben Betroffene, dass sie quälend lange wach liegen und nicht einschlafen können – im Schlaflabor zeigt sich aber, dass sie schlafen. „Welche Form von Bewusstsein haben Menschen in diesem Zustand?“, sagt Holzinger.

Vergleicht man Wach- und Traumbewusstsein, sollte man außerdem berücksichtigen, dass sich unser Bewusstsein auch im Wachzustand verändert. Wenn wir mit dem Auto eine Strecke fahren, die wir gut kennen, kann es sein, dass wir uns an die Fahrt nicht mehr erinnern können, wenn wir ankommen. „Es gibt durchaus Momente im Wachzustand, in denen ich funktioniere, aber eigentlich unbewusst bin“, sagt Manuel Schabus. Und in Ausnahmesituationen oder bei körperlichen Höchstleistungen kann es sein, dass man den Moment sehr intensiv erlebt, gleichzeitig aber ein reduziertes Ich-Empfinden hat. „Ich glaube nicht, dass ein Skispringer ganz genau weiß, dass er jetzt gerade springt“, sagt Brigitte Holzinger. „Das wäre vermutlich hinderlich beim Sprung.“

Wegen Umbau geschlossen!

Warum verlieren wir unser Bewusstsein, wenn wir einschlafen? Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Bewusstseinsverlust ein Nebeneffekt ist. Man nimmt an, dass wir im Schlaf das verarbeiten und verinnerlichen, was wir tagsüber erlebt und gelernt haben. „Informationen müssen von A nach B transportiert werden“, sagt Michael Czisch. „Und dort, wo die Information landen soll, muss an den Synapsen justiert werden.“ Wenn wir schlafen, wird im Gehirn vieles umgebaut und im Zuge dieser „Umbauarbeiten“ geht unser Bewusstsein verloren. Manuel Schabus vermutet aber, dass der Bewusstseinsverlust mehr als eine zufällige Folge von Reorganisationsprozessen im Gehirn ist. Würden wir jede Nacht den Schlaf bewusst erleben und als einen langen Traum erinnern, könnte das dazu führen, dass wir Wachsein und Träumen verwechseln. „Stellen Sie sich vor, Sie machen die Augen auf und wissen regelmäßig nicht, in welcher ‚Welt‘ Sie gerade erwacht sind… Es macht also durchaus Sinn, dass wir im Schlaf unser Bewusstsein verlieren und viele Träume wieder vergessen, wenn wir aufwachen.“

Studien, die sich mit Bewusstseinsveränderungen beim Einschlafen auseinandersetzen, gäbe es erst seit wenigen Jahren, sagt Brigitte Holzinger. Die Ergebnisse sind erste kleine Teile eines riesigen Puzzles. „Wissen wir, was mit unserem Bewusstsein passiert, wenn wir einschlafen, können wir vielleicht auch eines der größten Rätsel der Schlafforschung lösen“, sagt Holzinger. „Wie entsteht Schlaf?“

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2012 unter dem Titel „Nächtliches Blackout“ erschienen im „Universum Magazin„.

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