Lichttherapie: Die Kraft des Lichts

Sonnenlicht macht glücklich. Es stellt unsere innere Uhr ein. Es stärkt unsere Knochen. Und es kann heilen. 

 

Station 1C und 1D haben fast keine Fenster. Ärzte, die hier arbeiten, bekommen deswegen regelmäßig zusätzliche freie Tage, sogenannte Lichttage. „Das bedeutet, dass sie einen Tag zuhause bleiben können und hoffentlich raus gehen und sich mit Licht volltanken“, sagt Siegfried Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien. Als man diese und auch das AKH nebenan baute, hätten die meisten Architekten und Städtepläner wenig darüber nachgedacht, wie wichtig natürliches Licht für den Menschen ist, sagt Kasper. Heute sei das zum Glück anders. Denn zu wenig Sonnenlicht kann sogar zu Depressionen führen. Siegfried Kasper schätzt, dass rund sechs Prozent aller Österreicher an einer saisonabhängigen Depression wie der Winterdepression leiden. Weitere 14 Prozent seien von einer milderen Form der Störung betroffen, dem Winter-Blues. Und für uns alle gilt: „Jeder sollte pro Tag ungefähr zweieinhalb Stunden Sonnenlicht abbekommen“, sagt Kasper

Sonne und Serotonin

Warum macht uns Sonnenlicht glücklich? Mehrere Studien legen nahe: es liegt vor allem am Serotonin. Serotonin ist ein Neurotransmitter und gibt damit Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten weiter. Es beeinflusst unsere Stimmung stark und wird auch als „Glückshormon“ bezeichnet. Ein Forscherteam der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie stellte 2011 fest, dass zu wenig Licht dazu führen kann, dass der Serotonin-1A-Rezeptor im menschlichen Gehirn schlechter funktioniert. Dieser ist eine Andockstelle für den Neurotransmitter. Zu wenig Licht kann so dazu führen, dass zu wenig Serotonin aufgenommen wird.

Licht aktiviert den Serotonin-1A-Rezeptor – vermutlich wirkt es aber vielfältiger. „Es führt zu einer Reihe von biochemischen Veränderungen in unserem Gehirn“, sagt Kasper. An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie wird derzeit zum Beispiel untersucht, ob bei zu wenig Licht Serotonin und andere Neurotransmitter stärker abgebaut werden. Auch das kann zu Depressionen führen.

Eines scheint jedenfalls festzustehen: Das Sonnenlicht wirkt über die Augen auf unsere Psyche. Und dass uns herkömmliches elektrisches Licht nicht aufheitert, liegt vor allem daran, dass es nicht hell genug ist. Beleuchtungsstärke misst man in Lux. Ein heller Sommertag kann bis zu 100.000 Lux haben. Ein trüber Wintertag hat etwa 3.000 Lux. Und eine Bürobeleuchtung? Ungefähr 500 Lux. Mediziner und Wissenschaftler haben deswegen besonders intensive Lampen entwickelt. „Solche Lampen strahlen mit 3.000 bis 10.000 Lux“, sagt Siegfried Kasper und deutet auf ein großes, rechteckiges Gerät neben seinem Computer. Die speziellen Lampen können im Winter fehlendes Sonnenlicht ersetzen und positiv auf die Stimmung wirken.

Licht als Taktgeber

Licht hilft uns, im Rhythmus zu bleiben. Der sogenannte zirkadiane Rhythmus dauert ungefähr 24 Stunden und sorgt unter anderem dafür, dass wir zur richtigen Zeit müde oder wach werden. Auch Stoffwechsel, Herzrate, Körpertemperatur und hormonelle Aktivität werden wesentlich durch diese innere Uhr beeinflusst. Ist sie „verstellt“, kann das zu Schlafstörungen führen. Menschen, die nachts arbeiten, sind besonders häufig davon betroffen. Ihr innerer Rhythmus passt nicht mit dem der Umwelt zusammen. Kurzzeitig tritt das Phänomen auch auf, wenn man im Flugzeug eine Riese über mehrere Zeitzonen hinweg zurückgelegt hat (Jetlag). Durch gezieltes, helles Licht oder auch künstliche Dunkelheit kann man den Körper auf den neuen Rhythmus einstimmen. Sonnenlicht, Lichttherapie und Sonnenbrille helfen, die innere Uhr „umzustellen“.

Sonnenstrahlen für Knochen und Haut

Um genügend Vitamin-D zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste: reichlich Shiitake-Pilze, Thunfisch, Sardinen, Lachs oder Lebertran. Die zweite: Ein Sonnenbad. Denn Vitamin-D können wir nicht nur über einige Nahrungsmittel aufnehmen, sondern gemeinsam mit der Sonne auch selbst herstellen. Die ultraviolette Strahlung aktiviert das sogenannte 7-Dehydrocholesterol in unserer Haut und führt dazu, dass schließlich Vitamin-D gebildet wird. Dieses ist unter anderem für den Kalziumstoffwechsel und damit für die Knochen sehr wichtig. Außerdem macht es ausreichend Vitamin-D unwahrscheinlicher, viele chronischen Erkrankungen  zu bekommen. Ultraviolette Strahlung produziert aber nicht nur Vitamin-D, sie kann auch heilend wirken und wird bei einigen Hautkrankheiten gezielt eingesetzt.

Die Sonne strahlt neben sichtbarem und ultraviolettem Licht auch viel infrarotes Licht aus. Diese Infrarot-Strahlung können wir zwar nicht sehen, aber spüren – als Wärme. In der Medizin wird speziell gefilterte Infrarot-Strahlung unter anderem verwendet, um Körperstellen zu erwärmen und besser zu durchbluten. Die verwendete Infrarotstrahlung kann Schmerzen lindern, gegen Bakterien und Viren wirken und Entzündungen mildern. Sie wird zum Beispiel eingesetzt um chronische Wunden und Hauterkrankungen zu behandeln.

Produktives Licht

Nicht nur in der Medizin hat man erkannt, dass sich Licht – richtig dosiert – positiv auf Körper und Geist auswirken kann. Auch in der Industrie beginnt man zu erkennen, wie wichtig Licht ist. Denn intelligente Beleuchtung steigert das Wohlbefinden und macht leistungsfähiger. Davon ist jedenfalls Günther Sejkora, Geschäftsführer des Kompetenzzentrum Licht in Dornbirn überzeugt. „Ersetzt man gewöhnliche Industriebeleuchtung durch Lampen, die ihre Lichtstärke dynamisch verändern, hat das erstaunliche Auswirkungen“, sagt Sejkora. Dass die Lampen mal etwas heller, dann wieder etwas weniger hell leuchten, muss man dabei nicht bewusst wahrnehmen. „Trotzdem zeigt sich: man ist aktiver, aufmerksamer und leistungsfähiger“. Außerdem könne eine dynamische Beleuchtung am Arbeitsplatz sogar dazu führen, dass Schichtarbeiter besser schlafen können.

Für ein Forschungsprojekt passte Sejkora die Lichtverhältnisse in einem Altersheim an das natürliche Licht an. Dabei bildete er die Tagesrhythmik nach: „In der Früh fingen wir mit warmem, schwachem Licht an, am Mittag war das Licht kälter und am stärksten, am Nachmittag wurde es wieder wärmer und schwächer.“ Diese „Sonderbeleuchtung“ wirkte sich positiv aus: die Bewohner schliefen besser, waren ruhiger und traten häufiger mit Mitmenschen in Kontakt. Sejkora beruft sich auf zwei Studien, die das Kompetenzzentrum Licht durchführte. „Die Ergebnisse müssen aber noch gefestigt werden, weil zu wenig Personen untersucht wurden. Dazu werden weitere Studien durchgeführt“, sagt er.

Kein Ersatz für Sonnenlicht

Sichtbares Licht, ultraviolette- und infrarote Strahlung werden heute vielfältig eingesetzt. Doch künstliches Licht sei bei weitem nicht so hochwertig wie Tageslicht, ist Gregor Radinger überzeugt. Er leitet das Zentrum für Lichtplanung und das Lichtlabor an der Donau-Universität Krems. Radinger setzt sich vor allem damit auseinander, wie Sonnenlicht durch richtige Architektur optimal genutzt werden kann. Und dabei stößt er auch an Grenzen. Denn selbst Glas filtert Sonnenlicht – und „verfälscht“ es dadurch. „Wir haben zahlreiche transparente Materialen untersucht. Und dabei mussten wir feststellen: kein einziges lässt natürliches, ultraviolettes Licht in unverfälschter Qualität durch.“ In einem scheinbar lichtdurchfluteten Raum könne so tatsächlich physiologische Dunkelheit herrschen.  Radingers Schlussfolgerung: „Wir müssen mehr attraktive, leicht zugängliche Freibereiche schaffen.“

Ein kontrolliertes Sonnenbad oder einen Spaziergang unter der Sonne scheinen unersetzbar zu sein. Nicht nur die Ärzte der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie müssen darauf achten, dass sie ausreichend Sonnenlicht bekommen. Jeder sollte sich genügend Lichttage gönnen.

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2012 erschienen im „Universum Magazin.“

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