Wahrnehmung: Tricks für eine komplexe Welt

Damit wir uns im Labyrinth aus Sinneseindrücken und Fragen zurechtfinden, haben Evolution und technologischer Fortschritt erstaunliche Strategien hervorgebracht. Doch nicht immer führen diese zum richtigen Ausweg. Manchmal leiten sie uns auch in Sackgassen.

Komplexität lauert überall. Welches Handy soll ich kaufen? Welche Behandlung ist die richtige für mich? Auf welche Schule lasse ich mein Kind gehen? Wir können unser Leben heute viel freier als vor hundert Jahren gestalten – doch mit neuen Freiheiten bringt unsere Zeit immer mehr Unsicherheit. Zudem geht alles viel schneller. Ereignisse aus fernen Winkeln der Welt landen fast unmittelbar auf unseren Bildschirmen. Nach jedem Kurzurlaub türmen sich dutzende Nachrichten in unseren virtuellen Postkästen. In diesem andauernden Informationshagel fällt es schwer, über wichtige Fragen und Entscheidungen nachzudenken. Nicht nur uns. Politiker in aller Welt stehen ratlos vor großen Problemen. Wirtschaftskrisen und Klimawandel lassen sich nicht durch einfache Antworten und einzelne Entscheidungen lösen. Sie bestehen aus unzähligen „Einzelproblemen“, die sich gegenseitig beeinflussen. Es scheint so, als wären wir dieser komplexen Welt nicht mehr gewachsen, als könnte unser Gehirn einfach nicht mehr mithalten.

Falsch. Unser Gehirn ist es gewohnt, mit zu viel Information umzugehen. In jedem Moment verarbeitet es nur einen Bruchteil jener Milliarden Informationsteilchen, denen es ausgesetzt ist. Was als bewusste Wahrnehmung übrig bleibt, ist stark gefilterte Wirklichkeit. Trotzdem glauben wir, alles zu erfassen, wenn wir uns aufmerksam umblicken. Tatsächlich sehen wir aber nur dort scharf, wo wir direkt hinsehen. Unsere Augen tasten die Umgebung ab und das Gehirn setzt aus diesem relativ groben Bild, jenem Ausschnitt, der im Fokus unseres Blicks liegt und aus Erfahrungen und Vermutungen das zusammen, was wir zu sehen glauben.

Der Filter-Trick

Was für das Sehen gilt, trifft auch auf alle anderen Sinneswahrnehmungen zu: Ohne, dass wir es bemerken, wählt unser Gehirn aus und manipuliert. Und das ist gut so. Denn sonst würden wir vor lauter wahrnehmen nicht mehr handeln können. Jeder Schritt wäre eine ungeheure Herausforderung. „Wenn alle Information, die aktuell verfügbar ist, gleichermaßen handlungswirksam werden könnte, würde ich vermutlich sofort auf die Nase fallen“, sagt Ulrich Ansorge. Er beschäftigt sich an der Universität Wien unter anderem mit Aufmerksamkeit und visueller Wahrnehmung. Grundsätzlich, so Ansorge, funktionieren unsere Wahrnehmungsverarbeitungs-Systeme gut. Dennoch kommt es immer wieder zu Fehlern, die schwere Folgen haben können. Vor allem in Stresssituationen können Wahrnehmungsfehler auftreten. „Deswegen arbeitet man in der Luftfahrt mit Checklisten und Doppel-Bestätigungen“, sagt der Neurologe Christian Enzinger von der Medizinischen Universität Graz. „Und ein Notarzt muss jede Handlung klar kommunizieren, damit es zwischen ihm und anderen Hilfskräften oder Umstehenden nicht zu Missverständnissen kommt.“ Damit macht Enzinger deutlich, dass individuelle Wahrnehmungsfehler auch zu zwischenmenschlichen Missverständnissen führen können. Vor allem dann, wenn man zu wenig Information über ein Gegenüber oder eine Situation hat und diese „Wissenslücke“ unbewusst mit eigenen Annahmen und Erinnerungen füllt.

Gesunder Optimismus

Nicht nur unsere Sinne zeigen uns eine Welt, die nicht ganz der Wirklichkeit entspricht. Auch unsere Selbstwahrnehmung ist verzerrt. So sehen sich die meisten Menschen beispielsweise über dem Durchschnitt, wenn es um gute Eigenschaften geht. Wir halten uns für „intelligenter, besser aussehend, weniger mit Vorurteilen behaftet, moralischer, gesünder und wahrscheinlich langlebiger“ als andere, schreibt David G. Myers in „Was macht uns schlauer?„. Diese Selbstwertdienliche Verzerrung hat durchaus Sinn. Sie führt dazu, dass wir mit uns selbst und unseren Handlungen meist grundsätzlich zufrieden sind. „Wäre das nicht so, wären wir in der ständigen Verunsicherung, was nun die richtige Entscheidung ist“, sagt Arnd Florack, Experte für Angewandte Sozialpsychologie und Konsumentenverhaltensforschung an der Universität Wien. „Langfristig würde das zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führen.“ Anstelle von Selbstüberschätzung könne man auch von einem „gesunden Optimismus“ sprechen. Der Nachteil an dem Phänomen: „Zwischen Gruppen kann es zu schweren Konflikten kommen“, sagt Florack. David G. Myers zählt Zwietracht in der Ehe, ausweglose Situationen bei Verhandlungen, herablassende Vorurteile, nationale Überheblichkeit und Kriege als mögliche Folgen auf. In der Wirtschaft kann Selbstüberschätzung außerdem dazu führen, dass Unternehmen viel Geld und Menschen ihre Jobs verlieren. „Hier muss man natürlich Kontrollmechanismen einbauen“, erklärt Florack.

Fluch und Segen

Die blinden Flecken unserer Wahrnehmung und unsere Selbstüberschätzung sind nur zwei Beispiele dafür, wie unser Gehirn mit der komplexen Welt um uns umgeht. Einer Welt, die immer komplizierter wird. Menschen müssen heute mit viel mehr Information viel schneller umgehen können als noch vor 100 Jahren. Mit Technik versuchen wir uns zu helfen, verstärken das Problem aber zugleich: Das Internet liefert auf jede Frage dutzende Antworten – und unzählige weitere Fragen. Zahlreiche Probleme können wir – Handy und E-Mail sei Dank – in wenigen Minuten lösen. Zum Preis dafür sind wir quasi immer erreichbar. Manche Wissenschaftler warnen davor, dass der enorme technologische Fortschritt, vor allem das Internet, unser Denken verändert. So schreibt zum Beispiel Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz„, dass uns digitale Medien „dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich“ machen. Hindern uns Internet & Co. also sogar daran, Probleme zu verstehen? Christian Enzinger sieht das gelassener. Technik habe immer zwei Seiten: „Schon ein Messer zeigt, dass man damit Brot schneiden oder töten kann.“ Er glaubt auch, dass neue, komplexe Situationen weniger eine Gefahr für uns sind, als das wir aus ihnen lernen können. „Das menschliche Gehirn hat über die Jahrhunderte evolutionär bewiesen, dass es an Herausforderungen reifen kann.“

Zurück zum Ganzen

Wenn es unser Gehirn also seit jeher gewohnt ist, mit Informationsüberschuss und neuen Situationen fertig zu werden – warum scheitern wir dann an so vielen aktuellen Problemen?  Vielleicht, weil wir noch nicht gelernt haben, Komplexität als das zu erkennen, was sie im Grunde ist: Vernetzung.

Wir unterteilen die Welt gerne in Kategorien und versuchen, Probleme durch lineares Denken zu lösen. Chemie, Biologie, Physik, Medizin, Wirtschaft – „Wir sind zwar darin geübt, die einzelnen Dinge sauber getrennt nach Fach- und Lebensbereichen zu beschreiben, jedoch nicht die sie in Wirklichkeit verbindenden Beziehungen“, schreibt der 2003 verstorbene Biochemiker und Fachmann für Umweltfragen, Frederic Vester, in seinem Buch „Die Kunst vernetzt zu denken„. Wir tendieren dazu, Probleme dort zu bekämpfen, wo sie auftreten – häufig ohne zu wissen, wie und wo das Problem entstanden ist und welche Auswirkungen die Bekämpfung haben könnte. Will man Komplexität erfassen, ginge es vor allem darum, Muster zu erkennen, so Vester. Dabei erinnert er daran, dass unser Gehirn bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken – wie beschrieben – seit jeher so vorgeht. Diese Erkenntnis sollte auch auf die EDV übertragen werden. Computer müssten uns besser dabei helfen „anstelle möglichst vieler Punkte Muster zu erfassen“.  Bisher würden sie „statt zur Auswahl von Information eher zur Überflutung mit Daten“ führen. Vester fordert außerdem, dass das vernetzte Denken ab sofort in Schule und Weiterbildung einen angemessenen Platz finden muss.

Vernetztes Denken kann uns nicht nur helfen, komplexe ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Es führt auch zu neuen Erkenntnissen in der Wissenschaft. Experten verschiedener Fachrichtungen sind gewohnt, die Welt in kleine Teile zu zerlegen und Details zu untersuchen. Heute erkennt man aber immer mehr, dass man viele Phänomene erst dann verstehen kann, wenn man sie im größeren Zusammenhang untersucht. Ein Beispiel dafür ist die Hirnforschung. Anstelle von einzelnen Hirnarealen gewinnen Systeme und Netzwerke eine immer größere Bedeutung. „Und während Neurologen, Psychologen, Physiker und Mathematiker früher meist nebeneinander gearbeitet haben, arbeiten sie heute immer häufiger miteinander“, sagt Christian Enzinger.

Reduktion und Vernetzung

Für Komplexität gibt es keine einfache Strategie. Einerseits sollte man sich nicht von zu vielen Informationen ablenken lassen, andererseits muss man offen für Informationen sein, die auf dem ersten Blick vielleicht nicht mit dem Problem zusammenhängen. Während unser Gehirn gewohnt ist, unbewusst zu filtern und Muster zu erkennen, fällt uns genau das schwer, wenn wir bewusst nachdenken. Egal, ob wir nach dem richtigen Handy, der passenden Behandlung und der idealen Schule suchen oder ob Politiker die richtige Strategie auswählen, um dem Klimawandel zu begegnen. Weil wir noch nicht gelernt haben, vernetzt zu denken, fürchten wir uns vor Komplexität. Tatsächlich, schreibt Frederic Vester, bedeutet komplex aber keinesfalls immer kompliziert. Um komplexe Probleme lösen zu können, müssten wir zunächst unsere Angst vor ihnen überwinden und sie als solche erkennen. Und dann hilft vor allem eines: üben.

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2012 leicht verändert erschienen im „Universum Magazin„.

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