Antibiotika: Gefährliche Anpassungs-Künstler

Von der Wundermittel-Therapie zum Spiel mit dem Feuer. Unter anderem, weil sie zu großzügig eingesetzt werden, sind Antibiotika zunehmend wirkungslos. 

Seit Jahrzehnten sind Antibiotika die effektivste Waffe gegen viele bakterielle Infektionen. Doch die Bakterien werden immer widerstandsfähiger und die einstigen Wunderwaffen zunehmend wirkungslos. Vergangenes Jahr stellten Wissenschaftler sogar fest, dass sich Bakterien im Erdboden an Antibiotika viel dramatischer anpassen können als gedacht. Für ihre Studie setzten Edward Topp und seine Kollegen Ackerboden mehreren Antibiotika aus.  Dass Antibiotika im Erdboden vorkommen, ist nicht ungewöhnlich. Wenn Tiere mit ihnen behandelt werden, können die Antibiotika über den Dung aufs Feld gelangen.  Die Wissenschaftler stellten fest, dass die Bakterien im Erdboden nicht nur resistent geworden waren – sie bauten die Antibiotika sogar ab. Aus dem „Bakteriengift“ schien „Bakteriendünger“ geworden zu sein.

Hochgeschwindigkeits-Evolution

Die Studie zu den Bodenbakterien zeigt deutlich, wie anpassungsfähig Bakterien sind. Das liegt vor allem an zwei Eigenschaften: Bakterien haben eine relativ kurze Generationszeit; sie „verdoppeln“ sich vergleichsweise schnell. Escherichia coli (E. coli) zum Beispiel bereits nach rund 20 Minuten. Die kurze Generationszeit führt dazu, dass günstige Mutationen schneller auftreten. Neben dieser Hochgeschwindigkeits-Evolution können Bakterien außerdem zusätzlich Erbinformation untereinander weitergeben, ohne sich dabei vermehren zu müssen. Dieser sogenannte horizontale Gentransfer ist sogar zwischen unterschiedlichen Bakterienarten möglich. „Vereinfacht gesagt geben die Bakterien Pakete weiter, mit denen sie sich gegen Angriffe schützen können“, sagt Elisabeth Presterl, Leiterin des Klinischen Instituts für Krankenhaushygiene an der Medizinischen Universität in Wien. Zum Beispiel gegen Angriffe mit Antibiotika.

Superbakterien

Bakterien, die gegen mehrere gängige Antibiotika resistent sind, gibt es bereits. So macht etwa ein bestimmtes Protein manche Stämme einer Staphylokokkenart längst unempfindlich gegen viele Antibiotika. Infektionen mit diesen MRSA genannten Bakterienstämmen sind schwer behandelbar. Und seit einigen Jahren macht ein bestimmtes Gen (NDM-1-Gen) mehrere Bakterienarten gegen fast alle Antibiotika resistent. „Unter anderem auch gegen hochwirksame Antibiotika, die wir nur in Ausnahmefällen einsetzen, etwa bei Patienten, die eine Knochenmarkstransplantation hinter sich haben“, sagt Elisabeth Presterl. Gefährlich sind resistente Bakterien vor allem für geschwächte Menschen, zum Beispiel auf Intensivstationen in Krankenhäusern. Alleine in der EU geht man davon aus, dass jährlich rund 25.000 Menschen an schweren Infektionen mit resistenten Bakterien sterben.

Bakterien werden resistent, neue, wirksame Antibiotika sind rar. In diesem Zusammenhang warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergangenes Jahr sogar vor einem „post-antibiotischem Zeitalter“. Elisabeth Presterl sieht die Situation ähnlich dramatisch, hat aber Hoffnung: „Alle haben diese Gefahr unterschätzt. Ich glaube aber, dass wir jetzt wach genug sind, um ein solches Zeitalter zu verhindern.“

Aufklärung als Gegenmittel

Um ein Zeitalter ohne Antibiotika zu verhindern, müssen nicht nur neue Antibiotika entwickelt werden. Wesentlich ist auch, dass man mit den bestehenden sorgsamer umgeht. Denn je häufiger Antibiotika falsch eingesetzt werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass Resistenzen entstehen. Zum Beispiel, wenn die Dosierung zu niedrig ist oder das Antibiotikum zu früh abgesetzt wird. Oder wenn ein Antibiotikum eingesetzt wird, obwohl es eigentlich nicht notwendig ist. „Manche haben vielleicht das Motto ‚Nutzt’s nix’, schad’s nix‘ im Kopf – Aber das ist leider gar nicht der Fall“, sagt Petra Apfalter. Sie leitet das Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz und ist eine der Autorinnen des jährlichen Antibiotika-Resistenzberichts für Österreich. Offenbar werden Antibiotika häufig bei Atemwegsinfektionen verschrieben, obwohl die Medikamente hier meist nicht oder nur wenig wirken. „Es fällt auf, dass unser Antibiotika-Verbrauch in der kalten Jahreszeit am höchsten ist. Wir wissen aber, dass Husten, Schnupfen und Heiserkeit meist nicht von Bakterien hervorgerufen werden, sondern von Viren.“ Apfalter sieht aber nicht nur Aufklärungsbedarf bei den Ärzten, sondern auch in der Bevölkerung. Immer wieder würden Patienten Antibiotika fordern, ohne genau zu wissen, wogegen Antibiotika wirken. Eine Eurobarometer-Umfrage ergab 2010, dass 73 Prozent der befragten Österreicher  glauben, Antibiotika würden Viren töten. Tatsächlich sind sie hier aber wirkungslos.

Falsches Wissen: 73 % der Österreicher glauben, dass Antibiotika Viren töten und 70 % denken, dass Antibiotika effektiv gegen Erkältungen und Grippe wirken. Tatsächlich wirken sie hier nicht (Quelle:  Eurobarometer 72.5, special Eruobarometer 338, 2010, Antimicrobal resistance).
Falsches Wissen: 73 % der Österreicher glauben, dass Antibiotika Viren töten und 70 % denken, dass Antibiotika effektiv gegen Erkältungen und Grippe wirken. Tatsächlich wirken sie hier nicht (Quelle: Eurobarometer 72.5, special Eurobarometer 338, 2010, Antimicrobal resistance).

Internationale Strategien

Österreich liegt bei Antibiotika-Resistenzen im Europäischen Mittelfeld. „Die MRSA-Rate geht bei uns erfreulicherweise seit Jahren zurück. Das ist nicht in allen EU-Ländern so“, sagt Petra Apfalter. Grund dafür seien gute Hygienestandards in den Krankenhäusern. Bei anderen resistenten Bakterien ist Österreich allerdings nicht weniger betroffen als Nachbarländer. Zudem müsse bedacht werden, dass manche Menschen für medizinische Behandlungen ins Ausland reisen. Damit steige die Gefahr, dass resistente Keime eingeschleppt werden.

Langfristig wird man Antibiotika-Resistenzen nur global aufhalten können. In der WHO und im Europäische Parlament hat man mittlerweile erkannt, wie wichtig es ist, mit Antibiotika sorgsamer umzugehen. Seit 1998 sammelt das Europäische Netzwerk zur Überwachung von Resistenzen gegen antimikrobielle Wirkstoffe (EARS-Net) Daten. Zuletzt forderte das Europäische Parlament im Dezember 2012 Leitlinien gegen eine unnötige Verwendung; sowohl in der Human- wie auch in der Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Aquakultur. Denn wie unter anderem die Bodenbakterien-Studie zeigt, entstehen Resistenzen nicht nur im Krankenhaus.

„Wenn nicht richtig reagiert wird, nimmt die Gefahr von Tag zu Tag zu“, sagt die Europaabgeordnete Karin Kadenbach (SPÖ). Um Antibiotikaresistenzen bekämpfen zu können, sei ein vielschichtiger Ansatz notwendig, ist Kadenbach überzeugt. Bessere Aufklärung liegt auch ihr besonders am Herzen. „Ich glaube, das ist eine Forderung, die ohne großen zusätzlichen Kostenaufwand umgesetzt werden könnte.“

Neue Antibiotika, mehr Aufklärung, sorgsamer Umgang mit bestehenden Antibiotika und bessere Überwachung der Resistenzen – so will man versuchen,  in Zukunft gegen angepasste Bakterien besser gewappnet zu sein. In den letzten Jahren habe man einige wichtige Strategien gegen Antibiotika-Resistenzen entwickelt, glaubt Elisabeth Presterl.  Trotzdem sei noch viel Arbeit zu leisten. „Wir müssen endlich alle erkennen, dass Antibiotika Kostbarkeiten sind.“

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Info-Kasten:

Resistenzen – nicht nur gegen Antibiotika

Nicht nur Bakterien können resistent gegenüber Antibiotika werden. Auch andere Krankheitserreger bilden Resistenzen. So gefährden beispielsweise resistente Parasiten in Südostasien die Malariabehandlung; die bislang effektivsten Medikamente wirken hier immer weniger. Und auch Viren können sich anpassen. Laut Studien könnten sich Viren, die gegen HIV-Medikamente resistent sind, zunehmend ausbreiten.

Die langfristig richtige Behandlung ist häufig ein Abwägen zwischen bisher gut wirksamen Medikamenten auf der einen Seite und dem Risiko, Resistenzen zu fördern, auf der anderen. Wie komplex dieses Dilemma ist, zeigt folgendes Beispiel: Wissenschaftler konnten bei Bewohnern abgelegener Dörfer in Südamerika antibiotika-resistente Darmbakterien nachweisen. Die Dorfbewohner waren jedoch nie mit Antibiotika behandelt worden. Dafür allerdings mit einem Malaria-Medikament. Und tatsächlich könnte dieses die Antibiotika-Resistenz hervorgerufen haben.

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2013 leicht verändert erschienen im „Universum Magazin„.

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