Wie journalistisch können Comics sein?

Comic-Journalismus kann guter Journalismus sein. Bisher fehlen Qualitätsstandards allerdings. Und so weiß man nie genau, was man bekommt.

Eigentlich freuen sich Comic-Journalisten ja, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Bis die eine Frage kommt.

„Aber können journalistische Comics objektiv sein?

In fast jeder Diskussion zum Thema taucht diese oder eine ähnliche Frage mittlerweile auf. Dass sie Comic-Journalistinnen und -Journalisten nervt, ist verständlich – schließlich schwingt darin häufig ein gewisser Vorwurf mit. Andere recherchieren. Ihr zeichnet einfach, was ihr wollt. 

Wenn man wie Susie Cagle inmitten von Protesten oder wie Dan Archer zum Thema Menschenhandel in Nepal jeden Tag stundenlang recherchiert und Skizzen anfertigt, dann kann man diese Frage wohl nur als Beleidigung empfinden. Dabei ist sie durchaus berechtigt. Denn niemand weiß heute, was man eigentlich genau unter Comic-Journalismus versteht (siehe dazu auch diesen Blogeintrag). Es gibt keine festgelegten oder gelebten Regeln für das junge Genre. Leserinnen und Leser haben also wenig Ahnung davon, was sie von einem Comic erwarten sollen, das ihnen unter dem Siegel Comic-Journalismus verkauft wird.

Also: Können journalistische Comics objektiv sein? Die Antworten, die Comic-Journalisten geben, lassen sich in drei Punkte fassen (wobei sich diese durchaus überschneiden können):

  1. Ja. Auch Comic-Journalismus muss grundsätzliche/bestimmte journalistische Standards erfüllen. „All of our stories are fact-checked and copy-edited for accuracy. We strive for accurate representation in our stories, but illustration does leave room for interpretation“, schreiben die Macher des Comic-Journalismus-Magazins Symbolia Magazine in einem Reddit-Chat. Ähnliches macht Symbolia-Herausgeberin Erin Polgreen deutlich, wenn sie sagt: „[…] we fact-check everything, images, sounds, all of that fun stuff.“ Und Josh Kramer,  Herausgeber des Comic-Journalismus-Magazins The Cartoon Picayune schreibt: „I have one hard and fast rule for The Cartoon Picayune: every speech bubble is a direct quote and every character is a real person unless otherwise stated.“
  2. Objektivität ist eine Illusion – nicht nur im Comic-Journalismus. Comics machen deutlich, dass kein Medium objektive Wirklichkeit darstellt. Fotos und Videos  können auf vielfältige Weise verändert werden und selbst die Wahl des Bildausschnitts bedeutet Manipulation. So schreibt Dan Archer in seinem journalistischem Comic über Comic-Journalismus: „If anything, comics expose the fallacy of one single ‚objective truth‘.“
  3. Ich-Form und Transparenz müssen Objektivität ersetzen. „[…] I draw myself and the people know where the information comes from. Not like a journalist who is, kind of a vague figure that tells the truth and he knows all the facts and all that“, sagt Guy Delisle. Dan Archer sieht es ähnlich. Und die Macher von Symbolia Magazine schreiben: „[…] we don’t believe in objectivity. Instead, we believe in transparency – providing information about the person reporting, as well as how the story came to be.“

Die erste Antwort deutet dabei schon an: Wer von journalistischer Objektivität spricht, sollte auch an andere journalistische Standards denken. Damit wird aus „Können journalistische Comics objektiv sein?“ „Können Comics journalistische Qualitätsstandards erfüllen?“ Um darauf eine umfassende Antwort geben zu können, muss man allerdings wissen, was Comic-Journalismus ist und von welchen Qualitätsstandards man spricht. Leider ist das bisher alles andere als klar. Comic-Journalistinnen und -Journalisten haben offenbar recht unterschiedliche Ansichten dazu. Hier nur einige Beispiele:

  • Joe Sacco zeichnet teilweise Szenen, die er so nicht gesehen haben kann – etwa Panels in Vogelperspektive (zum Beispiel in seinem Comic Gaza). Nun kann man sagen, dass er keine Fakten manipuliert, sondern nur die Perspektive verändert. 
  • Anders ist dies im Comic Aufzeichnungen aus Jerusalem. Hier manipuliert  Guy Delisle offenbar nebensächliche (?) Fakten zugunsten der Erzählstruktur.
  • In dem Comic Rattled! How one man faced death in a field in southeast texas and lived to draw about it in der 4. Ausgabe des Cartoon Picayune werden Fakten zugunsten von Humor manipuliert.
  • Arne Jysch zeichnet mit Wave and Smile ein ganzes Comic über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, ohne je selbst dort gewesen zu sein.
  • In Die große Transformation werden Interviews mit Experten zum Thema Klimawandel in Comicform verarbeitet. Hier scheint es so zu sein, dass die Expertinnen und Experten zugleich die Rolle der Journalistinnen und Journalisten einnehmen.

Praktiker legen den Journalismus in Comic-Journalismus sehr unterschiedlich aus. An welche Journalismus-Definition halten sie sich? Welche Regeln befolgen sie? Man weiß es nicht. Eine Ausnahme macht Josh Kramer für den Cartoon Picayune – allerdings  ist seine  Erklärung sehr kurz und vage. Gleiches gilt für Joe Saccos Vorwort zu Journalism. Wissenschaftliche Texte zum Thema fehlen leider weitgehend. Wer nach Richtlinien für Comic-Journalismus sucht, tut dies vergeblich. „Fortunately, there is no stylebook to tell the comics journalist how far he or she must go to get [less important] details right“, schreibt Comic-Journalist Joe Sacco in seinem jüngsten Werk Journalism.

Es bleibt also einzelnen Comic-Journalistinnen und -Journalisten sowie Herausgeberinnen und Herausgebern überlassen, welche Maßstäbe sie anwenden. Als Leserin und Leser muss man darauf vertrauen, dass die Comic-Journalistinnen und -Journalisten wissen, was relevante Fakten sind und was nicht – an welcher Stelle erfunden und manipuliert werden darf und an welcher nicht. Wo also die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und Lüge verläuft.

Was dies in der Praxis bedeutet, zeigt diese Anekdote sehr deutlich.

Dabei wäre die Lösung gar nicht so kompliziert. Es muss keine einheitliche Richtlinie für Comic-Journalismus geben. Jeder kann seine/ihre eigene aufstellen. Aber jeder Comic-Journalist und jede Comic-Journalistin muss offenlegen, an welche Richtlinie er/sie sich hält. Comic-Journalismus muss nicht objektiv sein. Er muss endlich überprüfbar werden. Dann kann Dan Archers humorvolle Anspielung „Don’t believe everything that you see. Unless it’s comics“ endlich ernst gemeint sein. Bis dahin müssen sich Comic-Journalistinnen und -Journalisten nervige Fragen gefallen lassen.

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Blogeintrag, 2013. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

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3 Gedanken zu “Wie journalistisch können Comics sein?”

  1. Tolle Sachen, die ich hier gefunden habe. Und danke für das downloadbare pdf:) Das einzige, was mir noch fehlte, war noch ein Bezug zum Sprechblasen-Journalismus, der ja eher negativ konnotiert wird….

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