Was ist Comic-Journalismus?

Ein neues journalistisches Genre zwischen Bild und Text entsteht. Und niemand kann es genau einordnen.

Was Comic-Journalismus ist? Die kurze Antwort: Das weiß niemand so genau.

Und hier die lange:

Der Begriff Comics Journalism wird vor allem durch Joe Sacco geprägt. Im Deutschen wird seine Form des gezeichneten Journalismus häufig als Comic-Reportage bezeichnet. Viele journalistische Comics folgen Saccos Beispiel und können grob als gezeichnete, subjektiv gefärbte Reiseberichte bzw. Reportagen beschrieben werden. Versteht man Journalismus aber nicht in erster Linie als Reportage sondern als nicht-fiktionale Darstellungsform, stellt sich der Begriff Comic-Journalismus als vielfältiger dar. Hier einige der Genres, die ebenfalls als Comic-Journalismus bezeichnet werden können:

Inwieweit Werke der jeweiligen Genres als Comic-Journalismus bezeichnet werden können, hängt davon ab, wie journalistisch sie sind.

Die Frage, was Journalismus ist bzw. welche Aufgaben er erfüllen und welche Regeln er einhalten muss, kann allerdings sehr unterschiedlich beantwortet werden. Inwieweit ein Comic Comic-Journalismus ist, ist also vom jeweiligen Journalismus-Verständnis abhängig. Für viele traditionelle Sichtweisen sind dabei Faktizität und Objektivität sehr wichtige Kriterien. Diese lassen sich nur schwer mit der Subjektivität vereinbaren, die viele Werke des Comic-Journalismus aufzeigen (siehe dazu auch diesen Blogeintrag).

Manche Definitionen für Comic-Journalismus haben nur wenig mit dem Begriff Journalismus zu tun. So meint Comic-Journalist Josh Neufeld zum Beispiel in einem Interview, „[…] I guess this isn’t traditional journalism. It’s a hybrid of journalism, historical research, and art.“

Das lässt die Frage aufkommen, ob man Comic-Journalismus überhaupt noch als Journalismus verstehen darf. Tatsächlich gelangt Benjamin Woo zu folgender Feststellung: „Given the dominance of the discourses of objectivity and verification in the journalistic field, I maintain that the label ‚comics journalism‘ is misleading.“

Comic-Journalismus ist also kein Journalismus? Wurde das junge Phänomen falsch benannt?

Vielleicht. Synonyme für den Begriff Comic-Journalismus gibt es einige. Graphic Journalism zum Beispiel. Oder Illustrated Journalism. Sie beziehen sich ebenfalls auf den Journalismus-Aspekt und sind hier also kein guter Ersatz.

Dass einzelne Comic-Journalisten ihre Arbeit und ihre damit verbundenen (journalistischen) Pflichten sehr unterschiedlich auffassen, steht außer Frage (siehe dazu die Beispiele in diesem Blogeintrag).

Wenn man Comic-Journalismus also definieren möchte, ohne bestehende Werke radikal auszuschließen, sollte man berücksichtigen, dass es eben unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was Comic-Journalismus leisten muss. Oder genauer: An welche Regeln er sich halten muss, an welche Qualitätskriterien.

Meine Definition für Comic-Journalismus lautet daher:

Comic-Journalismus bezeichnet zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim Betrachter erzeugen sollen. Die Zeichen müssen wissenschaftlich publizierte journalistische Qualitätskriterien jedenfalls teilweise und idealerweise bestmöglich erfüllen.

(Der erste Teil der Definition bezieht sich auf die Beschaffenheit des Medium Comic und ist im wesentlichen die klassische Comic-Definition von Scott McCloud.)

Jedes Comic, das das Siegel Comic-Journalismus tragen will, muss journalistisch im Sinne einer wissenschaftlich wahrgenommenen Definition von Journalismus sein.

Comic-Journalistinnen und -Journalisten sollten das bedenken, wenn sie ein journalistisches Comic machen (Welche Qualitätskriterien muss ich einhalten?). Und sie sollten den Leserinnen und Lesern erklären, welches Journalismus-Verständnis sie vertreten (Dieses Comic ist journalistisch, weil…)

Einige Comic-Journalistinnen und -Journalisten tun dies bereits intuitiv. Joe Sacco erklärt im Vorwort zu seinem Werk Journalism, wie er seine Arbeit versteht und welche Anforderungen er an sich stellt. Die Macher des Comic-Journalismus-Magazins Symbolia Magazine machen große Teile der Entstehungsprozesse veröffentlichter Comics auf einer Website transparent. Josh Kramer erklärt in seinem Comic-Journalismus-Magazin Cartoon Picayune, wenn auch sehr kurz, inwieweit die veröffentlichen Comics journalistisch sind. Darüber hinaus veröffentlicht er auf der Website des Magazins Interviews und Hintergrundinfos zu den Comics.

Aber: Es fehlt eine Systematisierung. Es fehlen Diskussionen darüber, wie Comic-Journalismus journalistisch sein kann (siehe dazu auch diesen Blogeintrag). „Fortunately, there is no stylebook to tell the comics journalist how far he or she must go to get [less important] details right“, schreibt Comic-Journalismus-Pionier Joe Sacco im Vorwort zu Journalism. Er liegt falsch. Nicht, weil es eine allgemein gültige Liste mit Dos und Don’ts für Comic-Journalismus geben muss – Sondern weil es endlich zahlreiche verschiedene Leitlinien für guten Comic-Journalismus geben sollte. Weil ein (wissenschaftlicher) Diskurs darüber fehlt, was guten Comic-Journalismus ausmacht. Und darüber, was kein Comic-Journalismus ist.

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Blogeintrag, 2013. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

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2 Gedanken zu “Was ist Comic-Journalismus?”

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