Ärzte ohne Grenzen: Das Hauptquartier der Hilfe

Die Logistik hinter Ärzte ohne Grenzen.

Als die Erde am 12. Jänner 2010 wieder still stand, war die Lage in Haiti dramatisch: Hundertausende Menschen hatten ihr Leben verloren, viele waren verletzt und unzählige Gebäude lagen in Trümmern, darunter auch Krankenhäuser. Transportwege konnten nur schwer benützt werden und die Flughäfen waren überlastet. Dennoch gelang es Mitarbeitern der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schon 72 Stunden nach dem Beben, über 1.500 Patienten medizinisch zu versorgen. Innerhalb von 48 Stunden wurden 85 Tonnen Hilfsgüter versandt. Und in den kommenden zehn Monaten konnten laut eigenen Angaben 358.000 Menschen behandelt, 16.570 chirurgische Eingriffe und 15.100 Entbindungen durchgeführt werden.

Möglich war dies vor allem durch eine ausgeklügelte Logistik. Sofort wurden spezielle Notfall-Teams mit den ersten verfügbaren Flugzeugen eingeflogen und sahen sich die Lage gemeinsam mit den Mitarbeitern vor Ort an, die bereits davor in zwei Spitalsprojekten tätig gewesen waren. In kürzester Zeit war ein Bedarfsplan erstellt. „Wie viel Personal brauchen wir? Wie viele Chirurgen, Anästhesisten und Logistiker? Welches Material ist nötig und wie viel davon?“, sagt Andreas Papp. Er ist Delegate & Program Director bei Ärze ohne Grenzen Wien und immer wieder bei Auslandseinsätzen dabei. „Mit Hilfe von Laptops und Satelliten-Verbindung wurden Zelte, Material für Operationen, Medikamente, Impfstoffe und vieles  mehr bestellt.“

Diese „Emergency Orders“ wurden bestätigt und erschienen sofort auf den Computerbildschirmen in den Logistik-Zentren von Ärzte ohne Grenzen. Dort kümmerte sich eine eigene Abteilung darum, dass das bestellte Material trotz überlasteter Transportverbindungen verschickt werden konnte. Gleichzeitig suchten Mitarbeiter in den Lagern die passenden Notfall-Kits zusammen und bereiteten die Ladungen vor. Und innerhalb von zwei Tagen waren die dringend benötigten Hilfsmaterialien in Haiti angekommen.

Bis Ende Oktober 2010 gab Ärzte ohne Grenzen rund 79,5 Millionen Euro für die Hilfe in Haiti aus. Dass davon rund 23 Prozent auf die Logistik entfallen, zeigt, wie groß dieser Bereich ist. Papp schätzt, dass insgesamt rund ein Drittel der Mitarbeiter für die Logistik zuständig sind. Also in erster Linie dafür, dass medizinisches Material möglichst schnell und effizient geliefert wird.

Der Hilfseinsatz nach dem Erdbeben in Haiti war der größte in der Geschichte von Ärzte ohne Grenzen. Emergency Orders werden allerdings immer wieder aufgegeben, etwa auch bei kleineren Naturkatastrophen oder bei Konflikten. So zum Beispiel in Syrien, wo Teams von Ärzte ohne Grenzen laut eigenen Angaben bis Ende Juni 2013 mehr als 55.000 Konsultationen und 2.800 Operationen durchgeführt haben. Im Norden Syriens werden sechs Krankenhäuser und vier Gesundheitszentren betrieben. Wo ein Einsatz für Mitarbeiter zu gefährlich ist, versorgt man Krankenhäuser mit Medikamenten.

Die bestehenden Lager in den Standorten  müssen immer wieder aufgefüllt werden. Bei rund 400 Projekten in über 70 Ländern stellt dies eine große Herausforderung dar. Logistik-Zentren in Bordeaux und Brüssel, Logistik-Hubs in Kenia, Uganda und Costa Rica sowie viele kleinere Lager in den Einsatzländern sind nötig. Transportwege müssen organsiert werden. Und es muss Ersatzlösungen geben, für den Fall, dass manche Wege plötzlich blockiert sind. Außerdem gilt es, Prioritäten zu setzen – „Medikamente einer ‚Emergency Order‘ müssen schnell ins Flugzeug kommen, während Routine-Bestellungen auch in Frachtschiffen transportiert werden können“, sagt Papp. Zudem versuchen die Logistiker so weit als möglich auf  Materialien zurückzugreifen, die man vor Ort kaufen kann.

„Logistiker“ ist dabei ein Überbegriff und meint Wassertechnikerinnen, Bauingenieure, Supply-Spezialisten, KFZ-Expertinnen usw. Außerdem sind umfangreiches Know-How und intensive Kommunikation zwischen den Standorten wesentlich, um die Zeitpläne einzuhalten und Fehler zu vermeiden. Kern der Hilfs-Logistik sind allerdings die sogenannten „Notfall-Kits“.

Notfall-Kits sind fertige Pakete, die ideal auf ganz bestimmte Anforderungen abgestimmt sind. Das „Chirurgische Notfallset“ enthält beispielsweise 27 Instrumente für Notoperationen. Mit dem Kit „Chlorierung und Wasserkontrolle“ kann man Wasser zu Trinkwasser aufbereiten. Und das „Anästhesie-Kit“ beinhaltet 100 Dosen Betäubungsmittel für Vollnarkosen sowie Material für medikamentöse Wiederbelebung. Mittlerweile können Mitarbeiter auf rund 500 Notfall-Kits zurückgreifen. Die fertig verpackten Pakete sind bereits vom Zoll abgefertigt und können daher in kürzester Zeit verschickt werden. Ein weiterer Vorteil der normierten Kits: „Der Arzt vor Ort weiß genau, was in der Kiste drin ist. Wenn er vor sechs Monaten schon einmal ein Cholera-Kit geöffnet hat, findet er sich sofort wieder zurecht“, sagt Papp.

Neue technische Möglichkeiten führen nun dazu, dass Prozesse noch schneller ablaufen bzw. optimiert werden können. Gemeinsam mit dem Institut für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien konzipierte man vor kurzem eine Online-Plattform, auf der Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge präsentieren können. Die hochgeladenen Vorschläge werden von einer Expertenkommission bewertet und gute Ideen umgesetzt. „Einer unserer Logistiker war ein Ofenbauer aus der Schweiz. Er hat sich unsere Öfen angesehen, mit denen wir Abfälle verbrennen, und festgestellt, dass die Kamine nicht optimal sind. Tatsächlich haben wir rund 30 Prozent der Heizleistung verloren“, sagt Papp. Früher, so Papp, hätten sich gute Ideen zwar auch irgendwann durchgesetzt, aber dank der Plattform ginge das nun sehr viel schneller und unkomplizierter.

Ein weiteres Feld, mit dem sich Ärzte ohne Grenzen auseinandersetzt, ist die Geo-Informatik. Anhand von Satellitenbildern können Mitarbeiter nun nicht nur Grundwasservorkommen orten, sondern sogar abschätzen, wie viele Personen in einem Camp wohnen. Ausgehend von Art und Größe der Behausungen errechnet ein Programm die ungefähre Zahl der Bewohner. „Wir haben die Ergebnisse mit unseren Zählungen vor Ort verglichen. Die Fehlerquote lag lediglich bei ein bis drei Prozent.“ Papp sieht in diesem Projekt, das gemeinsam mit dem Interfakultären Fachbereich für Geoinformatik an der Universität Salzburg durchgeführt wurde, eine große Chance: So könne die Logistik von Ärzte ohne Grenzen noch schneller und präziser werden.

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2013 unter dem Titel „Das Hauptquartier der Hilfe“ erschienen in „profil wissen„. Die Fotos und Bildtexte der Fotoreportage finden sich hier.

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