Hochbegabung: Los, lös das Problem!

Ein hoher IQ kann ein großer Vorteil, aber auch sehr anstrengend sein. Manche Hochbegabte halten ihre Intelligenz sogar geheim – aus Angst, missverstanden oder gar abgelehnt zu werden. Denn Vorurteile rund um Hochbegabung halten sich bis heute hartnäckig.

Maximilian Lackner (35), Dipl.-Ing. Dr. tech. habil. MBA, hat bereits vier Start-Ups gegründet und sechs Bücher sowie 70 Zeitschriftenartikel veröffentlicht. Lackner ist hochbegabt; sein IQ liegt weit über dem Durchschnitt. Damit scheint der erfolgreiche Jungunternehmer zu bestätigen: Kluge Menschen haben es leichter im Leben. Schule, Studium, Karriere – während andere für ihre Erfolge hart arbeiten müssen, erreichen Hochbegabte diese nebenbei. Doch Lackner relativiert. „Ich sehe meine große Stärke in meiner Neugier und Leidenschaft, die ich für meine Projekte aufbringe. Nicht in meinem IQ.“ Hochbegabung sei zwar oft ein Vorteil, sehr intelligente Menschen hätten aber auch mit besonderen Problemen zu kämpfen. „Die Hauptschwierigkeit liegt darin, sich als Hochbegabter auf eine Sache zu fokussieren, länger daran interessiert zu bleiben und in einer bestimmten Tätigkeit richtig gut zu werden.“ Herbert Haubold, ebenfalls hochbegabt, sieht das ähnlich. Als Projektmanager muss er sich immer wieder in kurzer Zeit in neue Themenbereiche einarbeiten. Dabei sei es sehr hilfreich, in einer Masse an Informationen schnell Strukturen zu finden und Kernpunkte zu erkennen. „Das Projektmanagement kommt mir aber auch sehr entgegen, weil ich nie lange bei einer Sache bleiben muss. Ich habe Schwierigkeiten, mich auf ein Thema zu beschränken“, sagt Haubold. „Jene Menschen, die wirklich brillante Erfolge haben, sind meistens Menschen, die sich gut auf ein Thema fokussieren können.“

Hochbegabung und beruflicher Erfolg scheinen in einer zwiespältigen Beziehung zu stehen. In einem Buch zum Thema hat sich Lackner die Besonderheiten von Hochbegabung in der Arbeitswelt genauer angesehen. Er stellt fest, dass viele Manager nicht genau wissen, was Hochbegabung ist und wie man sie richtig nutzen kann. Hochbegabten falle es oft schwer, festgelegte Regeln oder Abläufe unhinterfragt zu akzeptieren. Sie würden häufiger anecken, eher dazu neigen, in Fettnäpfchen zu treten und oft einen ungewöhnlichen Humor haben. Und da viele besonders hohe ethische Ansprüche stellen würden, seien sie oft üble Verhandler: „Sie denken sich immer: ‚Was wäre jetzt am fairsten?‘ oder ‚Was denkt mein Gegenüber gerade?‘. Aber so läuft keine Verhandlung. Jeder verhandelt für sich selbst“, erklärt Lackner.

Heimlich hochintelligent

Haben es hochbegabte Menschen im Alltag also leichter oder schwerer als normalbegabte? „Eher schwerer“, glaubt Renate Birgmayer. Sie ist psychologische Beraterin und Vorstandsmitglied des Hochbegabten-Vereins Mensa. „Durch die unterschiedliche Taktung des Denkens kommt es immer wieder zu Missverständnissen“, so die promovierte Mathematikerin. Menschen mit überdurchschnittlichem IQ neigen dazu, bereits mehrere Schritte vorauszudenken und können ihre Gesprächspartner mit plötzlichen Schlussfolgerungen oder scheinbar unzusammenhängenden Fragen irritieren. Birgmayer stellt zudem fest, dass Hochbegabte häufig auf Skepsis stoßen. „Ohne zu wollen, erzeugen sie auch Angst im Gegenüber“, sagt sie. Viele Hochbegabte hüten sich daher vor einem Outing. Auch Maximilian Lackner rät eindeutig davon ab, einen besonders hohen IQ im Berufsleben, etwa bei Vorstellungsgesprächen oder Bewerbungsschreiben, zu erwähnen. „Neun von Zehn Personalern werden sagen: ‚Der macht sicher Schwierigkeiten, der will wahrscheinlich sofort befördert werden.'“ Auch Herbert Haubold meidet, von sich aus auf seine Hochbegabung hinzuweisen. Er glaubt, dass ein allzu offener Umgang mit der eigenen Hochbegabung auch mit einem gewissen Erwartungsdruck verbunden ist. „Wenn man gemeinsam vor einer großen Herausforderung steht, kann es durchaus vorkommen, dass man hört: ‚Du bist doch hochbegabt, also los, lös das Problem!'“

Falsche Vorurteile

„Solange das Thema nicht positiv behaftet ist und in den Medien immer nur die schrulligen Hochbegabten präsentiert werden, würde ich die Hochbegabung nicht unbedingt erwähnen“, sagt Maximilian Lackner. Damit weist er auf ein großes Problem hin: hochbegabte Menschen werden nicht nur in Artikeln und Fernsehbeiträgen häufig als unangepasste Sonderlinge präsentiert; auch in der Wissenschaft hielten sich falsche Vorurteile und vermeintliche „Nebenwirkungen“ von Hochbegabung lange. Mittlerweile ist allerdings durch Studien belegt, dass hochbegabte Menschen keinesfalls sozial inkompetente Außenseiter oder psychisch labile Genies sind – eher im Gegenteil. So hält Inez Freund-Braier in ihrem Beitrag in „Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Befunde aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt“ fest: Hochbegabte sind gut ins Schulsystem integriert, schulisch erfolgreich, sozial unauffällig, selbstbewusst und psychisch besonders stabil.

Hochbegabung als Ausrede

Das Marburger Hochbegabtenprojekt, eine der wichtigsten Studien zum Thema, wurde vom deutschen Psychologie-Professor Detlef H. Rost durchgeführt. Er nimmt in den letzten Jahren auch eine besondere Begeisterung für Hochbegabung wahr. Und zwar unter manchen Eltern. „Früher war es chic, wenn das Kind ADHS hatte. Dann war es ‚in‘, ein hochbegabtes Kind zu haben. Und im Augenblick ist es der Hit, wenn man Hochbegabte hat, die auch aufmerksamkeitsgestört sind“, sagt Rost. Er vermutet folgenden Grund: „Sehr häufig wird das Label Hochbegabung genutzt, um die eigene mangelnde Erziehungskompetenz zu kompensieren: ‚Der ist halt hochbegabt und deswegen etwas komisch.  Das liegt nicht an mir!'“ Dieses Phänomen beobachtet auch Renate Birgmayer. Sie führt Intelligenztests bei Kindern mittlerweile nur mehr dann durch, wenn damit ein konkretes Problem besser gelöst werden kann: „Damit ein Kind im übertragenen Sinn ein Pickerl aufs Hirn bekommt, mache ich das nicht mehr.“

Überförderung

Eine fälschlich zugesprochene Hochbegabung und förderwütige Eltern könnten dazu führen, dass das Kind dazu genötigt wird, eine Klasse zu überspringen und ein Versagens-Erlebnis nach dem anderen erlebt, fürchtet Rost. Eine vernünftige Förderung Hochbegabter befürwortet er zwar – „Jemanden fälschlicherweise als hochbegabt zu etikettieren, ist aber genauso schädlich oder sogar noch schädlicher als der Fehler, einen Hochbegabten nicht zu fördern.“ Der Intelligenzforscher muss Eltern immer wieder vor Augen führen, dass Intelligenz nicht das Einzige ist, was den Wert eines Menschen ausmacht. So seien soziale Kompetenz, Freundschaften und seelische Stabilität ebenso wichtig. „Wenn ich in der Beratung mit fördergeilen Eltern zu tun habe, dann frage ich manchmal: Wollt ihr einen hochbegabten, leistungsstarken Neurotiker haben oder ein zufriedenes Kind?“

Herbert Haubold entschied sich gemeinsam mit seiner Tochter dagegen, sie eine Klasse überspringen zu lassen. Zwar ist sie wie ihr Vater hochbegabt und „würde es vom Intellekt her problemlos schaffen“, wie Haubold sagt. „Aber was die soziale Entwicklung betrifft, ist sie eigentlich ganz normal für ihr Alter.“ Auch eine Schule für Hochbegabte kam letztlich nicht infrage. Dort wären die Anforderungen höher, aber das würde auch bedeuten, dass seine Tochter die Schulzeit nicht mehr so locker und unbeschwert erlebt, glaubt Haubold. Und so seien sie gemeinsam zu dem Schluss gekommen: „Es ist okay, wenn man sich ab und zu in der Schule ein Bisschen langweilt und dafür einen freien Nachmittag hat, um andere Dinge tun zu können. Stress gibt es im Leben ja noch genug.“

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2013 unter dem Titel „Los, lös das Problem!“ erschienen in „Universum Magazin„.

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