Comic-Journalismus: Die „visuellen Ws“

Comic-Journalisten müssen andere Fragen stellen. Sie müssen „visueller“ recherchieren.

Stellen Sie sich einen typischen Wissenschaftler vor.

Sehen Sie ihn vor sich? Hat er einen Bart? Eine Brille? Wenn ja, dann geht es Ihnen wie dem Grafiker in einer Anekdote, die Comic-Journalist Matt Bors erzählt. Beim Fact-Checking fiel Bors auf, dass der Wissenschaftler in einem journalistischen Comic in Wirklichkeit anders aussah. Er hatte keinen Bart und keine Brille. Der Grafiker wollte den Wissenschaftler nur „wissenschaftlicher“ aussehen lassen. Er tappte in eine Falle, vor der alle Comic-Journalisten auf der Hut sein müssen. Er skizzierte nicht die Wahrheit, sondern ein stereotypes Bild.

Journalistische Comics stellen Szenen in der Regel nach, anstelle sie abzubilden. Denn nicht jedes Ereignis passiert vor den Augen des Comic-Journalisten. Oft gibt es aber keine Fotos und Videos, die als Vorlage dienen können. Wie kann man also sicherstellen, dass man nicht an der Wahrheit vorbei skizziert? Durch gezieltes, „visuelles“ Nachfragen.

Die klassischen „journalistischen W-Fragen“, oder kurz „journalistischen Ws“ sollten durch „visuelle Ws“ ersetzt werden:

  • Wer? – Wenn Comic-Journalisten Details zu Personen recherchieren, müssen sie (zusätzlich zu üblichen Fakten) auch wissen, wie die jeweilige Person aussieht, was ihre oder seine Mimik und Gestik auszeichnet, wie groß die Person ist usw. Dies bedeutet, dass es in der Regel wichtig ist, eine Person direkt zu erleben – reine Telefon- oder Mail-Interviews reichen meist nicht aus.
  • Was? – Jede Tätigkeit bzw. jeder Vorgang, den Comic-Journalisten beschreiben, spielt sich im Comic in Zeit und Raum ab. Dies bedeutet, dass neben inhaltlich wesentlichen Informationen auch recherchiert werden muss, in welchem Umfeld etwas stattgefunden hat. Wie detailliert dieses Wissen sein muss, hängt auch vom gewählten Abstraktionsgrad ab.
  • Wann? – Diese Frage muss im Comic-Journalismus umfassender als üblich verstanden werden. Es ist nicht nur wichtig, den Zeitpunkt eines Ereignisses zu wissen. Es muss auch herausgefunden werden, wie dieser Zeitpunkt die dargestellte Szene beeinflusst. Ein Aspekt, der für journalistische Comics in diesem Zusammenhang meist äußerst wichtig ist, ist beispielsweise das Klima (Jahres- und Tageszeit, Lichtverhältnisse, Wetter usw.). In einem Artikel mag es unerheblich sein, dass es während eines Mordes regnete – für ein Comic ist diese Information zentral.
  • Wo? – Comic-Journalisten müssen wissen, wo genau Ereignisse stattgefunden haben – und zwar im geografischen Bezug zur im Comic dargestellten Umgebung. Hierzu ein Beispiel: Ein Comic-Journalist will einen Mord zeichnen. Er findet heraus, dass dieser in einem Hochhaus stattgefunden hat. Will er das Hochhaus allerdings in der Totale zeigen, scheint es relevant, in welchem Stock, ja sogar in welchem Zimmer der Mord stattfand.
  • Wie? – Auch diese Frage bekommt im Comic-Journalismus eine starke visuelle Komponente. Jeder Vorgang besteht nicht nur aus Ursache und Wirkung bzw. einer Reihe an Ereignissen und Fakten, sondern auch aus visuell darzustellenden Vorgängen. Um beim gewählten Beispiel zu bleiben: Für den Comic-Journalisten genügt es nicht, zu wissen, dass die Tatwaffe ein Messer war. Er muss wissen, auf welche Weise, wie oft und mit welcher Hand zugestochen wurde.
  • Die Fragen Warum? und Welche Quelle? bleiben beim Comic-Journalismus weitgehend unverändert. Zu erwähnen ist allerdings, dass Comic-Journalisten, soweit möglich, umfassend offenlegen sollten, woher Informationen stammen.

Die „visuellen Ws“ können vor allem dann eine hilfreiche Checklist sein, wenn mehrere Menschen an einem Comic arbeiten und es daher schnell zu Missverständnissen kommen kann. Und sie können dazu beitragen, dass Zeichner journalistischer Comics selbstkritischer arbeiten, anstelle in Klischee-Fallen zu stolpern.

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Blogeintrag, 2013. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

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2 Gedanken zu “Comic-Journalismus: Die „visuellen Ws“”

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