Dos and Dont’s des Comic-Journalismus – ein Leitfaden

Gezeichnete Wirklichkeit oder abgebildete Vorstellungen? – Comic-Journalismus bewegt sich zwischen Fotografie, Illustration und Karikatur. Wo liegen die Grenzen des Genres?

Wie ich hier und hier argumentiere, braucht das Genre Comic-Journalismus endlich Leitlinien.  Ein Versuch:

  1. Themenwahl. Wenn ein Thema viele visuelle Aspekte aufweist, der Anteil innerer Prozesse hoch ist, die Möglichkeit zur Personalisierung besteht und eine geringe Aktualität vorhanden ist, eignet es sich besonders gut für das Medium Comic.
  2. Recherche. Für Comic-Journalusmus muss man visueller recherchieren. Hier erweitere ich die klassischen journalistischen Ws daher auf die visuellen Ws.
  3. Transparenz. Sie ist bei journalistischen Comics besonders wichtig, weil diese dazu neigen, sehr subjektiv zu sein. Leser müssen wissen, welcher Journalismus-Begriff hinter dem Comic steht. Außerdem soll offengelegt werden, unter welchen Bedingungen das Comic wann und durch wen produziert wurde bzw. wer es finanziert hat. Journalistische Comics brauchen viel Zeit, daher gilt es auch, auf den Kontext des dargestellten einzugehen. Comic-Journalisten können Informationen sehr unterschiedlich in grafische Darstellungen „übersetzten“. Sie müssen klarstellen, inwiefern sie abstrahieren und manipulieren. Zudem ist Comic-Journalismus ein junges Genre. Es wird sehr unterschiedlich verstanden und immer wieder kritisch hinterfragt. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Quellmaterial so weit als möglich zugänglich zu machen. Transparenz kann im Comic-Journaliusmus durch ein Vor- sowie NachwortFußnoten, einen AnhangLinks oder auch Symbole hergestellt werden. Die Möglichkeit, sie durch Symbole darzustellen, stelle ich hier genauer dar.
  4. Manipulation. Zitate dürfen gekürzt und an Schriftsprache angepasst werden. Stammen sie aus mehreren Interviews mit einer Person, dürfen sie zusammengeführt werden. Zitate können autorisiert werden. Sie dürfen nicht paraphrasiert in Sprechblasen dargestellt werden. Es ist außerdem nicht zulässig, Zitate aus Interviews mit verschiedenen Personen in einer Sprechblase darzustellen, sodass der Eindruck entsteht, die Zitate stammten von einer Person. Generell ist es nicht erlaubt, Zitate einer Person einer anderen Person zuzuordnen. Zitate dürfen niemals erfunden werden. Das Abstraktionsniveau und der Zeichenstil müssen dem Inhalt folgen. Das Abstraktionsniveau sollte geändert werden, wenn das Dargestellte nicht selbst erlebt wurde, Zweifel bestehen, es sich um eine Szene aus der Vergangenheit oder Zukunft, um einen inneren Prozess oder um eine Metapher bzw. ein Symbolbild handelt. Zeit und Raum dürfen in der Regel nicht manipuliert und Objekte, Personen sowie Vorgänge nicht erfunden werden. Manipulation als Quellenschutz ist zulässig (z.B. unkenntlich gemachte Gesichter), muss aber transparent gemacht werden.
  5. Humor und Erzählstruktur. Informationen dürfen nicht verändert werden, damit eine Szene lustiger erscheint oder ein Handlungsstrang besser ersichtlich wird. Wenn eine Darstellung humorvoll übertrieben oder dramatisiert wird, muss dies deutlich erkennbar sein.
  6. Innere Prozesse. Comic-Journalismus kann Träume, Erinnerungen, Wünsche, Ängste usw. besonders gut darstellen. Der Wechsel von Wirklichkeit zu innerem Prozess muss immer deutlich erkennbar sein (etwa durch einen anderen Zeichenstill oder auch andere Farben usw.). Darstellungen innerer Prozesse sollten autorisiert werden.
  7. Korrektur und Feedback. Comic-Journalismus eignet sich vergleichsweise schlecht für Korrekturen. Selbst bei digitalen Comics können Änderungen nur unter großem Zeitaufwand eingearbeitet werden. Comic-Journalisten sollten daher im Comic auf zusätzliche Web- bzw. Social-Media-Auftritte hinweisen und Leser über diese regelmäßig um Korrektur und Feedback bitten
Die Abbildung stammt aus meiner Master-Arbeit, in der ich mich detaillierter mit dem Thema auseinander gesetzt habe.

Dieser Leitfaden sollte einer von vielen sein. Leider gibt es bisher keine klaren Anleitungen darüber, was Comic-Journalismus darf und was nicht. Unter Comic-Journalisten wird die Frage allerdings heftig diskutiert. Hier habe ich einige Zitate zusammengefasst.

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Blogeintrag, 2013. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

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2 Gedanken zu “Dos and Dont’s des Comic-Journalismus – ein Leitfaden”

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