Wissenschafts-Comics: Sprechblasen statt Fußnoten

Evolution in Bildern erzählt, Klimawandel als Graphic Novel – Immer mehr Comics widmen sich wissenschaftlichen Themen.

Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation ist ein dicker Schinken. 420 Seiten umfasst das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Unterkapitel, Kästen, Diagramme – das Gutachten informiert, bietet aber wenig Lesefreude. Bisher. Denn seit heuer kann man auch in einem Comic lesen, wie der Klimawandel funktioniert und was wir gegen ihn tun können. In Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? von Alexandra Hamann, Claudia Zea-Schmidt und Reinhold Leinfelder stellen neun Experten die Kernaussagen ihres Gutachtens dar, im Stil einer Graphic Novel.

Wissenschaft und Comics: Was noch vor wenigen Jahrzehnen scheinbar nicht zusammenpassen wollte, wird aktuell immer häufiger kombiniert. 2010 erschien die deutschsprachige Ausgabe das preisgekrönten Werks Alpha…directions von Jens Harder. Hier steht nicht ein Superheld im Zentrum, sondern die Erdgeschichte. Das Comic kommt dabei mit sehr wenig Text aus und erinnert an ein künstlerisches Bilderbuch. Ganz anders Die Sache mit den Genen. Hier wird die Evolution mit Comicfiguren und einer Portion Humor erklärt. Und Logicomix. Eine epische Suche nach Wahrheit macht den Philosophen, Mathematiker und Logiker Bertrand Russell zur Hauptfigur. Dass das Werk 2009 vom Time-Magazin unter die zehn besten Sachbücher gewählt wurde, zeigt einmal mehr: Auch Comics können wissenschaftlich sein.

Dabei ist die Verbindung von Comics und Wissenschaft eigentlich nicht neu. Während Comics  im deutschsprachigen Raum zur damaligen Zeit vor allem kritisch betrachtet wurden, veröffentlichten der Physiker Stuart Butler, der Journalist Robert Raymond und der Künstler Andrea Bresciani Anfang der 60er-Jahre ihre ersten Frontiers of Science-Strips in Australien. Über 20 Jahre konnten sich die Leser des Sydney Morning Herald über aktuelle wissenschaftliche Themen informieren. In den 60er-Jahren etwa über Flüge zum Mond, Atomexplosionen oder erste Computer.

Für Alexandra Hamann beginnt die Zeit der visuellen Vermittlung von Wissenschaft allerdings schon viel früher. Sie hatte die Idee für Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve?, als sie im Museum für Naturkunde in Berlin alte Kupferstiche des Arztes und Naturforschers Marcus Élieser Bloch in Händen hielt. „Die künstlerischen Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert beeindruckten mich so sehr, dass ich das auf eine neue Art wieder ins Leben rufen wollte“, sagt sie. Dass sich das Medium Comic ideal eignet, um Wissen zu vermitteln, sei ihr schnell klar gewesen. „Text zwingt dich dazu, abstrakt zu denken. Bilder schaffen einen sinnlichen Zugang zur Wissenschaft.“

Auf welche Herausforderung sich Hamann mit der Idee eines Wissenschafts-Comics einließ, wurde ihr erst später bewusst. Einen wissenschaftlichen Inhalt – in ihrem Fall ein umfangreiches Gutachten – in ein Comic zu „übersetzen“ ist alles andere als einfach. Aus über 400 Seiten mussten die wichtigsten Informationen gefiltert und verständlich in neun Kapitel mit je elf Comic-Seiten zusammengefasst werden. Außerdem galt es, ein Story-Board zu entwerfen, das Comic also zu skizzieren. Denn die Illustratoren mussten genau wissen, wo sie sich künstlerisch austoben konnten und wo sie sich exakt an Vorlagen halten mussten. „Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, mit den Zeichnern klar zu kommunizieren“, sagt Hamann. Bei einem anderen Projekt hatte sie mit einem Künstler nicht ausreichend besprochen, dass ein Wissenschaftler auch tatsächlich so gezeichnet werden sollte, wie er aussah. Daraufhin wurde der Wissenschaftler mit einem erfundenen Bart und einer nicht vorhandenen Brille dargestellt – was nachträglich ausgebessert werden musste.

Das Beispiel mag nicht weiter tragisch sein, zeigt aber, dass wissenschaftliche Comics „immer auch eine Gradwanderung zwischen wissenschaftlicher Präzision und künstlerischer Freiheit sind“, wie Heike Elisabeth Jüngst von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt sagt. Die deutsche Expertin für Sachcomics sieht dieses Problem vor allem dann, wenn ein geschichtlicher Bezug besteht. „Hier weiß man oft nicht, was die Menschen in bestimmten Situationen tatsächlich gesagt haben. Wir wissen nicht, welche Kleidung sie trugen. Und wir können auch nicht mit Sicherheit sagen, wer aller anwesend war, als beispielsweise eine wichtige Entdeckung gemacht wurde.“

Herausgeber von wissenschaftlichen Comics müssen aber nicht nur darauf achten, dass die wichtigsten Informationen herausgefiltert und Fakten möglichst authentisch dargestellt werden. Wichtige Fragen sind auch: Worum handelt es sich? Um ein Comic? Um eine Graphic Novel? Um einen illustrierten Text? „Eigentlich wollten wir unser Comic als ‚Graphic Interviews‘ bezeichnen“, sagt Hamann. Denn tatsächlich spiegelt das Werk vor allem die Sichtweisen der Wissenschaftler wider. Der Einfachheit halber habe man sich dann aber doch auf den Begriff Comic geeignet.

Dass Comic und Sachcomic sehr schwammige Überbegriffe sind, zeigen die eingangs erwähnten Beispiele. Manche Sachcomics sind umfangreiche Bildererzählungen. Andere erinnern eher an Gebrauchsanleitungen. „Ehrlich gesagt kann man heute nicht ganz genau sagen, welche Comics man als Sachcomics einordnen soll; wo man die Grenze zu hybriden Formen ziehen muss“, gibt Jüngst zu. So könne man allgemein mit Sicherheit nur sagen: „Sachcomics sind Comics, die Wissen vermitteln wollen.“

Nicht nur über, sondern auch in der Wissenschaft gibt es immer häufiger Comics. Scott McClouds Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst ist längst ein Standardwerk in der wissenschaftlichen Comic-Literatur – und selbst ein Sachcomic. Die Wissenschaftler Carles Sanchis-Segura und Rainer Spanagel ergänzten ihren Fachartikel über Methoden in der Suchtforschung 2006 mit mehreren, einseitigen Comics zur Thematik. Und im März diesen Jahres konnte man im Annals of Internal Medicine einen ganz besonderen „Fachartikel“ lesen: Als kurze Graphic Novel wurde die Geschichte eines Mediziners erzählt, den eine Fehldiagnose nicht mehr loslässt.

Dass die diesjährige Fachtagung der deutschen Gesellschaft für Comicforschung ebenfalls ganz im Zeichen des Sachcomics stand, scheint also nur logisch. „Der Versuch, Wissen via Comics zu vermitteln, boomt“, schreiben die Herausgeber des aktuellen Sammelbandes Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information. Und weiter: !Ihre Anwendungsbereiche sind äußerst vielfältig geworden, alles scheint heute möglich.“

____________________

2013 unter dem Titel „Sprechblasenbildung“ leicht verändert erschienen in „profil wissen„. Ein PDF des Artikels findet sich hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s