Cyborgs: Die Verschmelzung

Mensch und Maschine nähern sich immer weiter an. Und die ersten „Cyborgs“ zeigen, wie hilfreich die Technologien von morgen sein werden. Experten warnen allerdings vor blindem Optimismus.

Sie sind längst unter uns. Vielleicht sind Sie sogar selbst einer von ihnen. Zum Beispiel, wenn Sie auf ein künstliches Gelenk, einen Herzschrittmacher, ein Hörgerät oder eine Brille angewiesen sind. Dann sind auch Sie ein Mischwesen aus Mensch und Technologie. Ein Cyborg. Mit den kybernetischen Organismen aus Science-Fiction-Filmen hat diese Auffassung vom Cyborg wenig zu tun. Dennoch: In vielen ganz unterschiedlichen Bereichen zeigt sich, dass sich Mensch und Maschine immer näher kommen. Und teilweise bereits heute verschmelzen.

Brille, Kontaktlinse, Implantat?

Moderne Smartphones lassen sich durch Sprachbefehle steuern und per Fingerabdruck entsperren. Spielkonsolen reagieren auf Gesten. Und Google Glass zeigt, dass es technisch bereits möglich ist, viele Funktionen eines Smartphones in eine Brille einzubauen. Die Distanz zwischen Nutzer und Gerät scheint im Alltag immer geringer zu werden. Das bestätigt auch Peter Purgathofer vom Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der Technischen Universität Wien. „Heute ist es die Brille, morgen die Kontaktlinse und übermorgen wird das Ding vielleicht implantiert werden“, sagt er. Allerdings sei das eine absehbare Entwicklung, „und die Zukunft wird meist stärker durch überraschende Ideen als durch absehbare bestimmt“, relativiert Purgathofer.

Wer wissen will, wie wir morgen Computer steuern werden, sollte aber nicht unbedingt nach völlig neuen Ideen suchen – sondern auch in die Vergangenheit blicken, so Purgathofer. Und zwar gleich mehrere Jahrzehnte. Denn der kanadische Computerwissenschaftler Bill Buxton geht davon aus, dass es vergleichsweise lange dauert, bis sich eine Innovation als solche bemerkbar macht. Vor diesem Hintergrund scheint es plausibel, dass kommende Endgeräte durch Gedanken gesteuert werden. Denn: „An dieser Technologie forscht man schon lange herum“, sagt Purgathofer. „Es könnte durchaus sein, dass das bald für eine breitere Masse kommt.“ Trotzdem bleibt Purgathofer skeptisch. Er glaubt, dass Tastatur, Maus und Touchscreen auch in den kommenden Jahren nicht abgelöst werden.

Cyborg-Hände

Während Gedankensteuerung für Computer im Alltag noch eine Zukunftsvision ist, sind künstliche Hände, die sich durch gedachte „Befehle“ steuern lassen, längst keine Science-Fiction mehr. Die bionischen Prothesen, die Oskar C. Aszmann und sein Team am Christian Doppler Labor für Extremitätenrekonstruktion und Rehabilitation im Wiener AKH in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Ottobock entwickeln, können ausgewählte Signale an Muskeln abtasten und in Bewegungen übersetzen. Diese Form des Verschmelzens von Mensch und Maschine ist allerdings immer noch eine Herausforderung, sowohl für die beteiligten Mediziner und Techniker als auch für die Patienten. Um eine Signalübertragung herstellen zu können, müssen zunächst neue Nervenverbindungen geschaffen werden. Jene Nerven, die ursprünglich zur amputierten Hand führten, werden so „umverlegt“, dass sie in einem vorhandenen – oder ebenfalls verpflanzten – Muskel enden. Dort können die Impulse aus dem Gehirn dann an der Haut abgetastet werden. Wenn die Operationen abgeschlossen sind, müssen die Patienten erst lernen, wie sie ihre neue Hand mit den richtigen Gedanken bewegen können. Was von weitem wie der erste Schritt in Richtung Cyborg aussehen mag, ist bei allem technischen Fortschritt auch heute noch ein Weg vielen mit Hürden.

Ersetzen, nicht verbessern

„Ich bin Mediziner, kein Cyborgianer“, stellt Aszmann klar. Ihm gehe es nicht darum, einen Menschen zu verbessern. Sein Ziel sei es, nicht mehr vorhandene Funktionen so gut es geht zu ersetzen. Und selbst hier stoßen Experten wie Aszmann immer wieder an Grenzen. Zum Beispiel, wenn der Patient ganz einfach schwitzt. Denn dann können die Signale an der Haut nicht mehr optimal abgetastet werden. Oder wenn es um die sogenannte „Pattern Recognition“ geht, an der intensiv geforscht wird. „Bisher muss der Patient ‚beugen‘ denken, damit sich seine Armprothese beugt. Und ’strecken‘ damit sie sich streckt“, erklärt Aszmann. Damit die Steuerung der Prothese in Zukunft intuitiver abläuft und harmonischere Bewegungen möglich sind, müssen die künstlichen Hände Bewegungsmuster erkennen. „Teile der Denkleistung sind dabei sozusagen an einen Computer in der Prothese ausgelagert“, sagt Aszmann. Das Problem dabei: Die Verlässlichkeit der Pattern Recognition ist mittlerweile zwar sehr gut, aber bei der Interpretation von Bewegungsmustern ist selbst eine Verlässlichkeit von 98 Prozent ein zu großes Risiko. „Stellen Sie sich vor, Sie nehmen eine heiße Pfanne vom Herd und plötzlich macht Ihre Prothese eine ungewollte Bewegung“, sagt Aszmann und zieht noch einen zweiten Vergleich: „Wenn von 100 Flugzeugen durchschnittlich eines abstürzen würde, würde niemand fliegen.“

Aszmann glaubt nicht, dass technische Fortschritte diese und andere Probleme in naher Zukunft lösen werden. Vor allem bei der Sinneswahrnehmung würde die Technik wohl nie an eine menschliche Hand heranreichen können. Aszmanns Team forscht zwar durchaus an fühlenden Prothesen (siehe Abbildung). Derzeit sind die Prototypen aber noch nicht besonders kompakt. Und einmal mehr tritt hier das Schwitz-Problem auf: Wenn die Prothese Hitze überträgt, beginnt der Träger zu Schwitzen und die Übertragung der Empfindungen wird gestört. Dass vor kurzem ein Mann in Dänemark eine künstliche Hand bekam, mit der er Druck empfinden kann, wertet Aszmann nicht als Durchbruch. „Denn die eingepflanzten Kabel müssen durch die Haut ausgeleitet und wieder entfernt werden, da sonst eine massive Infektion die Folge ist.“

Eine biologische Hand könne Oberflächenbeschaffenheit, Druck, Wärme usw. in einem Umfang wahrnehmen, der mit einer bionischen Hand wohl nie möglich sei. „Es wird immer nur ein schlechtes Nachstellen des Wunderwerks Hand bleiben“, ist Aszmann überzeugt.

Zuerst ersetzen, dann verbessern

Wenn Karin Harrasser das hört, stellt sie bitter fest: „Es wäre schön, wenn das alle so sehen würden“. Die Kulturwissenschaftlerin von der Kunst Universität Linz hat kürzlich mit „Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen“, ein kritisches Buch über den Kult rund um das Verschmelzen von Mensch und Maschine vorgelegt. Die Grenze von der Wiederherstellung zur Verbesserung des Menschen ist für sie längst überschritten. „Denken Sie nur an Oscar Pistorius. Für ihn hieß es zunächst, dass er nicht an den Olympischen Spielen 2008 teilnehmen durfte, weil er mit seinen speziellen Bein-Prothesen gegenüber anderen Läufern im Vorteil gewesen wäre.“ Auch abseits des Sports gibt es viele Beispiele, die Harrassers Meinung untermauern. Der (einst) farbenblinde Neil Harbisson trägt ein Gerät am Kopf, das Farben aus seiner Umwelt in Töne übersetzt. Harbisson kann mit dem „Eyeborg“ getauften Hilfsmittel allerdings nicht nur jene Farben synästhetisch wahrnehmen, die andere Menschen auch sehen können – er hört zusätzliche Farben. Und zwar Farbtöne im Ultraviolett- und Infrarot-Bereich. „Biohacker“ implantierten sich in Eigenregie unter anderem Magnete in ihre Fingerkuppen, mit denen sie elektromagnetische Felder wahrnehmen können. Und Enno Park, Vorsitzender eines kürzlich in Deutschland gegründeten Cyborg-Vereins, möchte sein Cochleaimplantat (eine Prothese, die es ihm ermöglicht, zu hören), so umprogrammieren, dass er damit auch Ultraschall hören kann. Menschliche Gliedmaßen und Organe sind technischen Ersatzteilen – jedenfalls heute – noch weit überlegen. Auf einzelne, ausgewählte Funktionen trifft dies aber offenbar nicht mehr zu. Harrasser geht es dabei nicht darum, technologischen Fortschritt an sich zu verteufeln. Was ihr fehlt, ist eine kritische Distanz. Auch bei der Prothetik. „Wenn du schon eine technische Prothese hast, kannst du relativ leicht Zusatzfunktionen einbauen. Es ist ein sehr schmaler Grad zwischen Wiederherstellung und Verbesserung.“ Und zwischen Wiederherstellung und Überwachung: „Warum nicht gleich einen kleinen Speicher mit einbauen, der Daten über den Gesundheitszustand sammelt und weiterleitet?“

„Technik ist niemals neutral“

Für Harrasser vergisst man bei aller Begeisterung für die vielen technischen Entwicklungen und damit verbundenen Verbesserungsgedanken allzu leicht: „Technik ist niemals neutral. Sie ist immer in ökonomische und politische Fragen eingebunden. Wer hat die Technologie? Wer kann sie sich leisten? Wer kontrolliert sie?“ Selbstoptimierung könne schnell zum gesellschaftlichen Zwang werden. „Die Sichtweise vom Menschen als ein Wesen, das ständig schneller, klüger und besser werden und seine Wahrnehmung erweitern muss, finde ich sehr bedenklich. Denn sie ist zu gut kompatibel mit der Ökonomisierung des Menschen“, sagt Harrasser. Bedeutet das, dass sich die Menschen von morgen möglicherweise technologisch verbessern müssen, um bei Bewerbungsgesprächen überhaupt eine Chance zu haben? „Wie viele andere Experten sehe ich dieses Risiko durchaus“, sagt Robert Trappl, der Leiter des Austrian Research Institute for Artificial Intelligence (OFAI). „Nein, wenn Sie sich den neuen ‚Gehirnverstärker‘ nicht einbauen lassen wollen, dann bekommen Sie die Stelle nicht“, formuliert es Trappl etwas überspitzt. Auch im Umgang mit Mitmenschen könnten „Technikverweigerer“ in Zukunft auf noch mehr Probleme als heute stoßen. „Wieso denkst du denn so langsam? Wieso vergisst du ständig etwas? Warum verwendest du nicht auch dieses tolle Memory-Modul?“ Aber ist es überhaupt denkbar, dass Computertechnologie und das menschliche Gehirn je miteinander verbunden werden können? Derzeit sei man davon sehr weit entfernt, sagt Trappl. Noch würde man viel zu wenig verstehen, wie das Gehirn genau funktioniert. „Für unmöglich halte ich das aber keineswegs.“ Wie für Harrasser ist es für Trappl wichtig, über mögliche Gefahren und soziale Probleme zu diskutieren, die durch eine engere Verbindung von Mensch und Maschine entstehen könnten. Aber wie Peter Purgathofer gibt auch er zu bedenken, dass man viele wichtige technische Entwicklungen von morgen heute noch gar nicht vorhersehen könne. „Vieles, was früher vorhergesagt wurde, ist nicht eingetreten. Und anderes, wie zum Beispiel Smartphones, hat man nicht prophezeit“, sagt Trappl. „Wer weiß, kann sein, dass es einmal so etwas wie eine ‚Brain-Unplugged-Bewegung‘ geben wird. Dann heißt es vielleicht: ‚Oh, du hast tatsächlich ein Natur-Gehirn! Das ist ja interessant…'“

____________________

2014 leicht verändert erschienen in „Universum Magazin„.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s