Strategiepapier: E-Paper

Mediale Inhalte werden immer stärker auf mobilen Endgeräten genutzt. Viele Österreichische Verlage setzten allerdings weiter auf E-Paper. Mobile Innovation spielt sich abseits der Haupt-Medien ab

Im August 2012 trug man bei News noch dick auf: „Im Gegensatz zu anderen Medien beschränkt sich die iPad-Ausgabe von News nicht auf eine statische Kopie der Print-Ausgabe, sondern bietet ein maßgeschneidertes Leseerlebnis auf dem Tablet – verknüpft mit Videos, multimedialen Elementen und Interaktivität.“ Das kann man bis heute auf der News-Website lesen, unter einem Werbe-Video, dass die damals neue iPad-App des Magazins anpreist. Doch seit kurzem hat man sich bei der Verlagsgruppe News (VGN) dazu entschlossen, die alten Magazin-Apps für das iPad digital einzustampfen. Stattdessen setzt man beim Tablet nun auf E-Paper – man könnte auch sagen, auf statische Kopien der Print-Ausgaben.

Billig und universell

Die Umstellung von der interaktiven App zum schlichten PDF ist nachvollziehbar. Multimediale Inhalte kosten. App-Magazine müssen für das iPad häufig extra gelayoutet werden. Hinzu kommt, dass es immer mehr unterschiedliche Bildschirmgrößen gibt. Und bei all dem Aufwand halten sich die Downloadzahlen entgeltlicher Medien-Apps in Grenzen. Dass die VGN ihre Magazin-Auftritte auf dem Tablet jetzt auf E-Paper-Versionen vereinheitlicht hat, macht vor diesen Hintergrund durchaus Sinn. Und die Verlagsgruppe ist mit ihren E-Paper-Magazinen nicht alleine. Der Austria-Kiosk bietet schon seit längerem digitale Kopien gedruckter Magazine und Zeitungen an, und über die iPad-App MMA-Online-Kiosk kann man ebenfalls österreichische Zeitschriften als E-Paper lesen. Doch der radikale Schritt der VGN vom ambitionierten iPad-Projekt zum relativ unspektakulären PDF-Shop macht deutlich, dass die hohen Erwartungen an das Tablet als interaktiven Heilsbringer für viele Vergangenheit sind.

Ernüchterung

„Wir waren damals extrem euphorisch“, sagt News Networld-Chefredakteurin Mesi Tötschinger. „Und ich würde auch heute immer noch sagen, dass es ein gutes Produkt war.“ Mittlerweile habe man aber gelernt, dass man auch mit einer aufwändigen Magazin-App nicht jeden ehemaligen Print-Leser an das Medium binden könne. Denn digital affine Leser sind am Tablet nur ein Tippen vom Browser entfernt – warum sollten sie also für eine App zahlen, wenn Sie die Inhalte auch bequem im Internet konsumieren können? „Wir dachten einfach, dass die Leser das anders annehmen“, sagt Tötschinger. Und stellt für die derzeitige Situation in Österreich fest: „Multimediale Medien-Apps sind zu überdenken.“

Online und E-Paper

Die derzeitige Strategie der VGN stellt sich so dar: Für mobile Nutzung optimierte Internetauftritte und einen einheitlichen E-Paper-Auftritt der Magazine. Das Tablett wird damit zum Nebenschauplatz. Ganz anders geht man beim Datum mit dem iPad um. Die App-Version des Magazins glänzt durch reduziertes, ideal an das Tablet angepasstes Layout und originelle, interaktive Werbung. Dass Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner von PDF-Lösungen fürs iPad „relativ wenig“ hält, liegt auf der Hand. Sein Hauptargument gegen E-Paper am iPad: Der fehlende Lesegenuss. „Man muss die Inhalte aufziehen, man kann nicht ordentlich scrollen oder blättern“ sagt Kaltenbrunner. Für Verlage sei die PDF-Lösung zwar unkompliziert. „Und sie kostet nichts. Sie bringt aber auch nichts.“ Werbung in E-Paper lasse sich nur sehr schwer verkaufen, sagt Kaltenbrunner.

Stichwort Werbung

Auch bei Datum am iPad fällt auf, dass sich die innovativen, interaktiven Inhalte auf die Werbung beschränken. Da ändert sich ein Sujet, wenn man das Tablet schüttelt. Dort kann man mit dem Finger einen Stuhl umkippen, sodass die Werbebotschaft auf der Unterseite der Sitzfläche lesbar wird. Aber bei journalistischen Inhalten wird auf diese neuen Möglichkeiten des Tablets verzichtet. „Wir wollten eine ruhige App und keinen Multimedia-Zoo“, stellt Kaltenbrunner klar. Er kündigt aber an, dass es spätestens im September eine neue Version der App geben wird. Dabei wolle man „eine Stufe weiter gehen.“ Allzu konkret möchte der Datum-Chefredakteur zwar noch nicht sein, er verrät allerdings, dass die App in Zukunft nicht zwingend über den Appstore geladen werden müsse, sondern die Inhalte auch übers Internet bezogen werden könnten. Außerdem werde man das Magazin direkt in Facebook integrieren können. „Es gibt auch die Idee, dass ich mir mein eigenes Datum zusammenstellen kann.“ In Zukunft könnte es also sein, dass man als User einzelne Datum-Artikel kaufen kann.

App vs. E-Paper

Jürgen Alker von der deutschen Digitalagentur Swipe hält wenig davon, E-Paper und Medien-Apps gegeneinander auszuspielen. „Ein E-Paper hat absolut seine Berechtigung. Ich verstehe aber nicht, dass große Medienhäuser nicht gleichzeitig ein Bisschen experimentierfreudiger sind“, sagt Alker. Vergangenes Jahr konzipierte Swipe gemeinsam mit dem Spiegel den Abend, eine fiktive mobile Tageszeitung der Zukunft. Die App stieß auf großes Interesse, Alker führte mit vielen Verlagsmenschen Gespräche – aber eine vergleichbare App gibt es bis heute nicht auf dem deutschen Markt. Dabei ist Alker bewusst, dass der Abend keine ausgereifte App ist und durchaus auch Schwächen haben kann. Braucht die Zeitungs-App von morgen tatsächlich einen integrierten Routenplaner und ein eigenes Social Network? All das seien Fragen, die sich nicht ohne Erfahrungswerte beantworten lassen würden, ist er überzeigt. Daher: „Wo bleibt die Spielfreude? Wo der Mut?“ Amazon, Facebook, Google & Co. würden sehr vieles ausprobieren. „Einiges wird wieder eingestellt, aus vielem lernt man und manches führt zu sehr erfolgreichen Produkten.“ Demgegenüber würde man in Medienhäusern lieber abwarten. Alker glaubt mittlerweile, dass die digitalen Innovationen im Medien-Bereich von außen kommen werden.

Medienplattform Facebook

Klassische Medienhäuser warten ab oder gehen auf E-Paper zurück; Internetkonzerne mischen immer mehr im Nachrichtengeschäft mit. Facebook ist mittlerweile eine wichtige Plattform für Medien, sowohl für Zeitungen als auch für Magazine. Anfang Februar stellte das Unternehmen mit Paper sogar eine eigene App für Medieninhalte vor. Die App erinnert an Flipboard, eine Plattform, die bereits seit längerem gefilterte, personalisierte Nachrichteninhalte bietet. Auf eine Website zu setzen, die von unterschiedlichen Endgeräten gut dargestellt werden kann und die Inhalte gut such- und teilbar zu machen, erscheint damit logisch. Die damit verbundene digitale Reichweitensteigerung setzt allerdings kostenlose Inhalte voraus. Und es besteht die Gefahr, dass sich Medienhäuser in Zukunft noch stärker von Google, Facebook & Co. abhängig machen, anstatt selbst erfolgreiche neue Produkte und Strategien hervorzubringen.

Weg von der einen App, hin zu vielen Apps

Während die Verlagsgruppe News zurück zum E-Paper geht, setzen einige heimische Medienhäuser gleich auf mehrere Apps. Den Standard gibt es zum Beispiel für’s iPhone als E-Paper-App und als iStandard, außerdem kann man die Immobilien-App ImmoStandard sowie die Job-Plattform JobStandard downloaden. Auch Mesi Tötschinger stellt klar, dass es in Zukunft durchaus eigene, ganz spezielle Medien-Apps für Tablet und Smartphone geben könnte. „Wir prüfen derzeit die Möglichkeiten von Apps rund um unsere Marken. Bei Gusto würde es natürlich auf der Hand liegen, irgendetwas im Bereich Kochen zu machen. Auch Woman hätte einiges an Potential für spezifische Apps. Und News ebenfalls, zum Beispiel im Bereich Regionales“, sagt Mesi Tötschinger. Und schließt mit Worten, die Jürgen Alker bereits gut kennt: „Aber das müssen wir alles noch prüfen, bevor wir wissen, wohin die Reise geht.“

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2014  erschienen im „Medien Manager.

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