Transparenz im Comic-Journalismus

Einige Comic-Journalisten arbeiten auf vielfältige Weise transparent. Viele legen aber keine einzige Quelle offen.

Transparency_Comics_JournalismNur, weil eine Geschichte gezeichnet ist, muss sie noch lange nicht erfunden sein: Manche Comic-Journalisten versuchen intensiv, ihre Werke so transparent wie möglich zu machen. Joe Sacco erklärt in seinem Buch „Reportagen“ in einem Vorwort, wie er grundsätzlich arbeitet. Josh Kramer setzt in „The Cartoon Picayune“ Fußnoten ein, um zu zeigen, wenn Inhalte satirisch übertrieben sind. David Axe und Ryan Alexander-Tanner bauen in ihr Comic „Boom!“ Fotos ein. Darryl Holliday und E. N. Rodriguez machen in „How to survive a shooting“ klar, dass sie Informationen darstellen, die sie von einer einzigen Quelle erhalten haben. Susie Cagle fügt ihrem Comic „Down in Smoke“ via ThingLink Fotos und Originaltöne bei. Andy Warner macht sich selbst in „The Man Who Build Beirut“ zum Teil der Geschichte. Mana Neyestani lässt in „Ein iranischer Albtraum“ aus, was er nicht gesehen hat – anstelle erfundener Darstellungen zeigt er einfach nacktes Papier. Dan Archer stellt in „Apocalypse Left and Right: A Graphic Primer“ Quellen sowie Hintergrundinformation für (fast alle) Panels bereit. In „The Right to Return: A Graphic History of Diego Garcia„, gibt er die Quellen am Ende des Comics an. Und Tom Humberstone hat sein Comic „The London Olympics““offen korrigiert.

Neben all diesen Mitteln zur Transparenz checken einige Verleger journalistischer Comics – beispielsweise Matt Bors und Erin Polgreen –  die Comics inhaltlich. Marken wie „Symbolia Magazine, „Cartoon Movement, „The Cartoon Picayune, „Medium, „Slate usw. können mittlerweile durchaus als Gütesiegel verstanden werden. Und einige Comic-Journalistinnen und –Journalisten haben sich ein Image aufgebaut, das qualitativ hochwertige Comics erwarten lässt.

Worin liegt also der Unterschied zum traditionellen Journalismus?

Viele journalistische Comics legen keine einzige Quelle offen. Auch wenn einige Comic-Journalistinnen und –Journalisten sehr transparent arbeiten – andere tun dies ganz und gar nicht. Außerdem fehlt bisher eine allgemeine Methode, wie man „visuell zitieren“ kann. Wenn eine Journalistin einen Artikel schreibt, muss sie deutlich machen, woher sie ihre Informationen nimmt. In einem Comic gibt es sehr viel „visuelle Hintergrundinformation“. Das mag nicht besonders problematisch sein, wenn die Comic-Journalistin nur zeigt, was sie selbst erlebt hat. Aber sobald Zitate aus Radio-Interviews, Videos von YouTube oder Tweets verwendet werden, wird all das zum Problem.

In diesem Zusammenhang bin ich in meiner Master-Arbeit über Comic-Journalismus auf die Idee gekommen, Symbole einzusetzen. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass zu viele Symbole sehr verwirrend sind. Aber ich finde weiterhin, dass jedes Panel transparent sein sollte. So, wie auch ein Journalist, der einen Artikel schreibt, jeden Absatz transparent machen sollte. Vielleicht sind allerdings weniger Symbole ausreichend. Für viele journalistische Comics über wissenschaftliche Themen könnte ein Symbol genügen, das zeigt, sobald eine Darstellung eine symbolische Illustration ist. In einem journalistischem Comic über Szenen aus der Vergangenheit könnte mit einem Symbol darauf hingewiesen werden, wenn eine Darstellung nicht auf einer konkreten visuellen Vorlage beruht usw.

Ich behaupte nicht, dass Comic-Journalistinnen und –Journalisten „unethisch“ sind. Aber ich denke, dass es ist höchste Zeit für eine Diskussion über folgende Frage ist: Wie können wir Werkzeuge für qualitativ hochwertigen Comic-Journalismus entwickeln?

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Blogeintrag, 2014. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

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2 Gedanken zu “Transparenz im Comic-Journalismus”

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