Physikalische Aufzeichnungen – MinutePhysics im Porträt

Wie ein kamerascheuer junger Physiker mit Strichmännchen die Welt erklärt – und zum YouTube-Star wird.

Was ist Schwerkraft? Wie funktionieren Laser? Was ist Dunkle Materie? Wer solche Fragen stellt, muss wohl auf lange Antworten gefasst sein. Nicht bei Henry Reich. Der junge Physiker beantwortet diese und andere komplexe Fragen in wenigen Minuten; manchmal braucht er sogar nur ein paar Sekunden. In jedem Fall aber Stift, Papier, Kamera und Mikrofon. Denn Reich illustriert seine schnell gesprochenen und begeisterungsgeladenen Antworten, filmt die Zeichenfläche dabei und stellt die Videos auf YouTube. In der Regel verzichtet er auf umfangreiche Grafiken und Spezialeffekte. Stattdessen setzt der 26-jährige Amerikaner auf Strichmännchen und skizzenhafte Darstellungen. MinutePhysics taufte Reich seinen YouTube-Channel. Und mittlerweile hat der Kanal mehr als 2 Millionen Abonnenten.

Daran, wie Reich seine Videos macht, hat der Erfolg wenig geändert. Der wackelige Mikrofonständer aus den Anfangstagen ist einem stabileren gewichen. Die schwer in Mitleidenschaft gezogene Kamera hat er durch eine neue Canon ersetzt. Und das Licht wird nun nicht mehr von der weißen Zimmerecke und Kartons reflektiert, sondern von einem kleinen Fotozelt. „Aber davon abgesehen, ist eigentlich alles beim Alten geblieben“, sagt Reich im Skype-Interview. Und ergänzt schmunzelnd: „Ich benutze heute vielleicht häufiger Farbstifte.“ Nach wie vor zeichnet der YouTuber mit Stiften auf gewöhnlichem Papier und fotografiert die Zeichnungen alle ein bis zwei Sekunden. Im fertigen Video werden die Fotos dann schnell hintereinander gezeigt, während Reichs Stimme vor Hintergrundmusik das physikalische Phänomen erklärt.

Reichs Videos sind kurz, doch sie bedeuten viel Arbeit. Das Zeichnen selbst ist dabei relativ schnell erledigt. Auch das Schneiden und Nachbearbeiten der Videos am Computer benötigt meist nur wenige Stunden. Wirklich aufwändig gestaltet sich allerdings die Recherche für die Videos und das Schreiben der Drehbücher. „Es gibt einige Themen, über die ich noch kein Video gemacht habe. Weil ich bisher nicht herausgefunden habe, wie ich die Themen gut erklären kann“, sagt Reich. Schwarze Löcher zum Beispiel. Darüber würden seine Abonnenten immer wieder ein Video fordern. Doch bevor Reich nicht genau weiß, welche wesentlichen Punkte er wie erklären kann, wird es keines geben. Wahrscheinlich ist das einer der wesentlichen Gründe, warum der YouTube-Kanal so erfolgreich ist: Sein Macher nimmt sowohl die Laien als auch die Experten im Publikum ernst. „Ich denke, dass viele Wissenschaftler ungeübt im Erklären sind. Viele vereinfachen so sehr, dass dabei die Essenz des Themas verlorengeht.“ Reich will nicht nur von Schülern verstanden werden. „Mein Ziel ist es, dass mein Video sowohl von einem 12-Jährigen als auch von einem Nobelpreisträger gemocht wird“, sagt er und fügt schnell hinzu: „Nicht, dass mir das immer gelingen würde.“ Gelungen ist es ihm jedenfalls 2012, als ihm niemand geringerer als der Physiknobelpreisträger Serge Haroche in einer Facebook-Nachricht mitteilte, dass ihm das MinutePhysics-Video über seine Forschung („2012 Nobel Price: How Do We See Light?“) sehr gefalle und er das Filmchen in Zukunft wohl auch bei Vorträgen zeigen werde.

Als Reich im September 2010 das erste Video auf einem Schreibtisch im Haus seiner Eltern in Minnesota zeichnete, konnte er von dem großen Erfolg als YouTuber nur träumen. Inspiriert von „xkcd„, einem minimalistischen Webcomic über Leben und Wissenschaft und diversen Videos, in denen Vorträge auf Whiteboards bebildert werden, startete Reich das Projekt MinutePhysics. „Die Idee entstand, als ich vor einem öffentlichen Publikum eine Forschungsarbeit vorstellen musste, an der ich im Zuge meines Master-Studiums gearbeitet hatte“, sagt Reich. Damals suchte er nach einer Möglichkeit, komplizierte Sachverhalte möglichst schnell und leicht verständlich dazustellen. „Es war tatsächlich ein Wochenend-Projekt. Ich machte ein Video, einfach um zu sehen, wie es aussehen würde. Dann dachte ich mir: Oh, das ist eigentlich ganz cool. Und so habe ich mich entschieden, diese Videos regelmäßiger zu machen.“

Mit etwas Glück, einem Händchen für humorvolle Zeichnungen und Wissen über Physik zum YouTube-Star also? Tatsächlich arbeitete Reich hart an seiner Karriere als Physik-Filmemacher; auch wenn er damals noch keine Ahnung hatte, ob und wie sich seine Interessen für Film und Physik auszahlen würden. Schon während seines Studiums wirkte er in mehreren kleinen Filmprojekten mit. Und als er seinen Master in Theoretischer Physik in der Tasche hatte, nahm er sich ein Jahr frei und ging nach Los Angeles. Wie viele andere von der Hoffnung erfüllt, ins Filmgeschäft hineinschnuppern zu können. Und tatsächlich: In L.A. ergatterte er Praktikum bei einem Produktionsteam, dass sehr erfolgreiche YouTube-Videos produzierte. „Damals lernte ich YouTube zum ersten Mal als Medium kennen, für das man gezielt Inhalte produzieren kann“, sagt Reich. Bis dahin habe er in dem Bewegbild-Giganten in erster Linie ein Sammelsurium an Amateurvideos, Katzenclips und Raubkopien gesehen. Der Physiker kümmerte sich um die Spezialeffekte und sprang ein, wo immer man seine Hilfe brauchen konnte. Außerdem begann er Film zu studieren, gab das Studium aber bald auf, um sich mehr auf seine YouTube-Videos konzentrieren zu können.

Aus heutiger Sicht scheint die Idee zu MinutePhysics also eine logische Entwicklung gewesen zu sein. Reichs Interesse an der Physik und seine Lust am Filmemachen fanden endlich zusammen. Trotzdem: Warum Strichmännchen? Reich wusste, wie man Laserschwertkämpfe und Explosionen animierte, er kannte sich mit Kameraeinstellungen aus – wieso also Stift und Papier, meist sogar ohne Farbe? Weil es Reich nicht um den Effekt, sondern um den Inhalt geht. „Wenn sie mir dabei helfen, ein Konzept besser zu illustrieren, dann habe ich nichts gegen Spezialeffekte“, sagt Reich. Aber wenn er ein Elektron oder ein Higgs Boson darstellen muss, zeichnet er lieber einen unspektakulären Punkt. Schließlich wisse niemand genau, wie diese Elementarteilchen wirklich aussehen.

2,2 Millionen Subscriber, Videos mit rund 9 Millionen Aufrufen („Immovable Object vs. Unstoppable Force – Which Wins?“) – Henry Reich hat geschafft, was viele YouTuber nie erreichen: Er kann von seinen Videos leben, gut sogar. Wie viel er heute verdient, will Reich nicht sagen. Er habe vertraglich unterschrieben, keine Zahlen zu verraten. „Aber es ist mehr, als ich je erwartet hätte und bräuchte, um davon leben zu können.“ Mittlerweile hat Reich allerdings einen weiteren Channel gegründet. MinuteEarth funktioniert ähnlich wie MinutePhysics, konzentriert sich aber auf den Planeten Erde und auf geografische und biologische Phänomene. „Hier habe ich ein Team aus mehreren Mitarbeitern, die mir dabei helfen, Videos zu produzieren. Die muss ich natürlich bezahlen.“

Mehr Klicks bedeuten außerdem nicht nur mehr Einkommen, sondern auch mehr Augen, die jedes Video kritisch begutachten, unter ihnen auch jene von Physik-Kollegen und anderen YouTubern. In den ersten Monaten spürte er diesen Druck durchaus, gibt Reich zu. Aber irgendwann hab“ er sich daran gewöhnt und auch den Bezug zu den Zuschauerzahlen verloren. „Ich werde in meinem ganzen Leben keine 10.000 Menschen kennenlernen“, sagt der Physiker. „10.000 Menschen ist schon unvorstellbar für mich. Es sind einfach irrsinnig viele Menschen. Und 1 Million Menschen sind ebenfalls irrsinnig viele Menschen. Auch, wenn es tatsächlich 100 Mal so viele sind…“

Trotz allem Erfolg ist Henry Reich kein typischer YouTube-Star. Während andere YouTuber schon mal auf der Straße erkannt werden, zieht Reich meist keine neugierigen Blicke auf sich. Denn in den MinutePhysics-Videos sieht man sein Gesicht nicht. Als Sprecher vor der Kamera sei er früher ziemlich schlecht gewesen; und wirklich gut sei er darin immer noch nicht, sagt Reich. „Außerdem denke ich, dass die Wissenschaft im Vordergrund stehen sollte.“ Das kann auch immer wieder zur Herausforderung werden: Andere Wissenschafts-YouTuber können sich über komplizierte Stellen im Text „schummeln“, indem sie diese einfach in die Kamera sprechen. Reich dagegen muss sich immer eine Illustration einfallen lassen, egal, wie abstrakt ein Aspekt auch sein mag.

Mit MinuteEarth machte Reich vor rund einem Jahr den Schritt vom Ein-Mann-Projekt hin zum kleinen Produktionsteam. Während er für seinen Physik-Kanal von Drehbuch über Zeichnen zum Schnitt alles selbst macht, wird MinuteEarth von einem anderen Grafiker illustriert. Auch die Ideen entstehen in der Gruppe – Reich ist hier mehr Regisseur und Produzent. Der YouTube-Channel unterschiedet sich nicht nur in den Themen sondern auch im Stil etwas von MinutePhysics: Die Illustrationen sind bunter und mehr animiert. Und auch das ist kein Zufall: „Wenn wir eine Landschaft mit einer Wiese und Bäumen zeigen, überfordert das die Zuschauer nicht, das versteht man auch ohne Fachwissen schnell.“ MinuteEarth sei ein Experiment, erklärt Reich. Ob es in Zukunft auch weitere Minute-Ableger geben wird, kann er heute nicht sagen. Vielleicht haben seine zukünftigen Projekte auch gar nichts mit Strichmännchen zu tun. Wer auf Reichs persönlichen YouTube-Kanal (Neptune Studios) klickt, kann durchaus zu dieser Vermutung kommen. Seit einigen Wochen findet man dort unter anderem ein Video, in dem er zeigt, was man alles tun kann, wenn es draußen richtig kalt ist (zum Beispiel in einem gefrorenen See untertauchen). Dabei wagt sich der bisher kamerascheue YouTube-Star vor die Linse. Wo er sich selbst in Zukunft sieht, kann er heute nicht sagen. Vielleicht wird er weitere Wissenschafts-Kanäle auf YouTube gründen, vielleicht an interaktiven Web-Projekten rund um Wissenschaft mitarbeiten. Oder etwas ganz anderes im Filmgeschäft tun. Bis dahin bleibt Henry Reich seinem Erfolgsrezept für MinutePhysics treu: „Ehrlich und präzise sein, gleichzeitig alles nicht allzu wichtig nehmen und Spaß dabei haben.“

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2014 unter dem Titel „Der bewegte Mann“ leicht verändert erschienen in „profil wissen„.

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