Synästhesie: Zwischensinnlich

Wenn Töne, Buchstaben und Gefühle Farben haben. Wie Synästhetiker die Welt wahrnehmen. Und wie die Wissenschaft versucht, das rätselhafte Phänomen zu verstehen.

Für Nobuko Akiyama und Edith Temmel klingt Musik bunt. Wenn Jeanette Schulz ein intensives Gefühl erlebt, besitzt dieses für sie immer auch eine visuelle Qualität. Und bei Iris Meder sind es Buchstaben und Zahlen, die stets einen Farbeindruck auslösen. Die vier Frauen sind Synästhetikerinnen. Bei ihnen sind bestimmte Sinne ungewöhnlich stark miteinander verbunden. Für Edith Temmel erscheinen manche Töne nicht nur metaphorisch hell. Eine Verletzung kann für Jeanette Schulz tatsächlich mit einem grellen Schmerz einhergehen. Und wenn Iris Meder von roten und schwarzen Zahlen spricht, tut sie das nicht im übertragenen Sinn, sondern meint damit die Zahlen Fünf und Null.

„Synästhesie“ (von altgriechisch syn = zusammen und aisthesis = empfinden) ist ein Überbegriff für viele verschiedene Arten, auf die Sinne miteinander gekoppelt sein können. Während man früher davon ausging, dass nur sehr wenige Menschen Synästhetiker sind, könnten es laut neueren Studien sogar vier Prozent der Bevölkerung sein. Synästhetikerinnen sind dabei möglicherweise deutlich häufiger als Synästhetiker – auf einen Mann könnten bis zu sechs Frauen kommen.

Neben Buchstaben, Zahlen, Musik, Emotionen und Körperempfindungen können unter anderem auch Geschmäcker oder Gerüche und sogar Personen Synästhesien auslösen. Dabei muss der synästhetische Eindruck nicht immer farblich sein; so können beispielsweise auch Wörter einen bestimmten Geschmack haben. Manche Synästhetiker nehmen Buchstaben, Zahlen oder auch Wochentage oder Monate auch räumlich wahr. Die Anordnung im Raum ist dabei individuell, folgt keiner allgemeinen Logik. Gleiches gilt auch für andere Synästhesien. Und während manche Synästhetiker ihre Synästhesien eher als eine Art Projektion im Raum wahrnehmen, wird sie von anderen als starke innere Vorstellung empfunden. Der gleiche Akkord kann für Nobuko Akiyama und Edith Temmel eine ganz unterschiedliche Farbe haben. Die Musikerin nimmt ihre Synästhesien sehr deutlich im Raum wahr, die Künstlerin spricht dagegen von einer inneren Gewissheit, mit der sie Töne und Farben verbindet.

Synästhesie ist eine seltene, sehr individuelle Form der Wahrnehmung. Neue Forschungen zeigen allerdings, dass es auch Gemeinsamkeiten hinter den synästhetischen Kopplungen gibt. So ist der Buchstabe A für vergleichsweise viele Synästhetiker rot. Null und Eins sind häufig „farblos“ bzw. schwarz und weiß. Studien weisen daraufhin, dass die Verbindung von Farben und Buchstaben vermutlich auch damit zusammenhängt, wie häufig sie verwendet werden. Buchstaben und Zahlen, die besonders oft vorkommen, scheinen eher mit hellen und intensiven Farben gekoppelt zu werden. Für viele Synästhetiker dürfte außerdem folgende Faustregel gelten: Die Farbe eines Wortes wird durch den ersten Buchstaben oder Vokal bestimmt.

Welche Farben mit welchen Buchstaben und Zahlen verbunden werden, kann aber durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst werden. Zum Beispiel durch Spielzeug, Bilderbücher oder Kühlschrankmagneten aus der Kindheit, die bunte Buchstaben oder Zahlen zeigten. Einige Wissenschaftler nehmen auch an, dass jeder ein Synästhetiker ist – solange er oder sie noch sehr jung ist. Demnach würden die meisten Menschen „verlernen“ synästhetisch wahrzunehmen, während bei einigen Verbindungen zwischen Hirnarealen bestehen bleiben würden. Inwieweit diese Sichtweise zutrifft, lässt sich allerdings wissenschaftlich schwer beantworten, weil man Babys nicht fragen kann, wie sie die Welt wahrnehmen.

Was für viele andere Synästhetikerinnen gilt, trifft auch bei Iris Meder zu: A ist rot. Wie auch für ihre beiden Schwestern. Und I verbinden sie alle drei mit weiß. Andere Buchstaben haben allerdings auch ganz unterschiedliche Farben. Inwieweit Synästhesie genetisch bedingt ist, ist noch nicht geklärt. Zwar zeigen einige Studien, dass Synästhesie immer wieder gehäuft in Familien vorkommt. Umfangreiche genetische Analysen sind bis heute allerdings rar.

Konzepte, die Synästhesie auf neuronaler Ebene erklären sollen, drehen sich meist um folgende Annahme: Hirnareale, die jeweils für einen Aspekt der synästhetischen Wahrnehmung „zuständig“ sind – zum Beispiel einerseits Hören und andererseits Sehen –, sind ungewöhnlich stark miteinander verbunden bzw. der Informationsaustausch zwischen ihnen ist überdurchschnittlich intensiv. Vor diesem Hintergrund wird auch vermutet, dass Synästhetiker besonders kreative Menschen sind. Herausragende Persönlichkeiten wie Wassily Kandinsky, Charles Baudelaire oder Richard Feynman passen in dieses Bild – sie alle beschrieben sinnübergreifende Wahrnehmungen. Eine andere Annahme lautet, Synästhetiker hätten ein besseres Erinnerungsvermögen. Auch hierfür lassen sich einzelne Beispiele finden. Inwieweit Synästhesie aber tatsächlich kreativer macht und zu einem besseren Erinnerungsvermögen führt, ist noch nicht abschließend geklärt – auch, wenn einige Studien diese Sichtweisen durchaus wahrscheinlich erscheinen lassen.

In den vergangenen Jahren ist das Thema Synästhesie mehr und mehr ins Licht der Wissenschaft gerückt. Davon, das Phänomen wirklich zu verstehen, ist man aber immer noch weit entfernt. Sogar eine eindeutige, allgemeine Definition gibt es bis heute nicht. Die Synästhesie „wirft die alte philosophische Frage auf, ob wir jemals wirklich wissen können, was jemand anders erfährt“, schreibt der Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran in seinem Buch Die Frau, die Töne sehen konnte. Umso wichtiger scheint es, weiter nach Gesetzmäßigkeiten und Erklärungen zu suchen. Denn die Synästhesie, erklärt Ramachandran in einem Beitrag für das kürzlich erschienene Werk The Oxford Handbook of Synesthesia, kann uns dabei helfen, einige der besonders schwer fassbaren Aspekte des menschlichen Verstandes besser zu verstehen.

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Farbtöne

Die Stadt Wien, ein G-Dur-Akkord und die Zahl Sechs – für Nobuko Akiyama gibt es etwas, das all das verbindet: Ihre Lieblingsfarbe. Grün. Ganz besonders stark sind ihre Synästhesien bei Musik. „Als Kind habe ich alle Musikstücke auf G-Dur transponiert“, erinnert sich die Pianistin und Klavierpädagogin. Dieses „Umfärben“ habe ihr großen Spaß gemacht und ihr tiefe Zufriedenheit bereitet. Aber nicht nur bestimmte Akkorde oder Töne sind für Akiyama eng mit Farben verbunden. Jede Art von Musik hat für sie immer auch Farbe und Form. „Es beginnt grau“, sagt die Musikerin, während sie die ersten Noten von Prélude in e-Moll von Frédéric Chopin spielt. „Jetzt vermischt es sich mit dem c, wird rot, dann dominiert das graue h wieder…“ Die Musik fließt dabei von links nach rechts, ähnlich einem vielschichtigen, bunten Farbstrom voller Wirbel und Wellen. Seit einigen Monaten versuchen Akiyama und ihr Mann Horia Marinescu, das Stück „abzumalen“. Ton für Ton fertigen sie Bleistift-Skizzen an und versehen diese mit präzisen Farbbezeichnungen wie „Sepia“, „Taubenblau-Grau“ und „Neapelgelb-Orange“. Von diesen Vorlagen malt der Architekt dann Aquarelle. „Wenn er das nicht genau so macht, wie ich es sehe, kommt es zur Katastrophe“, scherzt die Pianistin. Heute sieht die 39-Jährige ihre synästhetische Wahrnehmung als Bereicherung – vor allem, wenn sie komplizierte Stücke auswendig lernen muss. Aber das war nicht immer so. Früher berührten sie die Farben und Formen emotional sehr stark. Zum Beispiel, als sie vor einigen Jahren in einem Konzertsaal saß und die fünfte Sinfonie von Schostakowitsch gespielt wurde. „Das Stück hat so viele negative Farben, dass ich es nicht aushalten konnte. Ich musste rausgehen. Sonst hätte ich mich übergeben“, sagt Akiyama. Mittlerweile habe sie aber gelernt, die Synästhesien bei Bedarf auch weitgehend auszublenden. Wenn ihr ein Musikstück allerdings besonders gut gefällt, lässt sich die Musikerin auch heute noch intensiv auf ihre Synästhesien ein. Dann kann es sogar sein, dass sie beim Spielen ein Kleid in der dominierenden Farbe des Musikstücks trägt.

Druckerfarbe

Ihren Vornamen empfindet Iris Meder weiß. Das ist so, seit sie sich erinnern kann. Und die Namen ihrer Schwestern Angela und Evelyne klingen für sie rot und grün. Die Architekturhistorikern nimmt Buchstaben und Zahlen synästhetisch wahr. Welche Farbe ein Name hat, wird dabei vom ersten Buchstaben und den Vokalen bestimmt. Das kann ab und zu durchaus nützlich sein. Zum Beispiel als Erinnerungshilfe. So könne es vorkommen, dass sie sich über den farblichen Eindruck wieder an einen Namen erinnern kann, den sie vergessen hat: „Wenn es ein roter Name ist, wird er vermutlich mit A oder M beginnen.“ Ähnlich sei es bei Pincodes und Passwörtern. Wenn ihr die richtige Zahl nicht einfällt, hilft oft die Erinnerung an den Farbeindruck.

Die Synästhesie bedeutet für Meder auch, dass Buchstaben und Zahlen so etwas wie eine ästhetische Dimension bekommen. 57 und 75 sind für sie beispielsweise unschöne Zahlen. Denn Fünf sei ganz klar rot und Sieben gehe eher ins Grünlich-Braune. Und weil sie findet, dass Rot und Grün nicht gut zusammenpassen, gefallen ihr auch diese Zahlenkombinationen nicht besonders. Gleiches gilt für Drei und Fünf. „Türkis und Rot – schrecklich!“

Der synästhetische Eindruck ist zwar immer deutlich, aber zugleich unaufdringlich. Eine mit Buchstaben bedruckte Seite wird für Meder nicht zum Farbenmeer. Auf dem Papier bleiben die Buchstaben schwarz. „Wenn ich den Zauberberg lese, erlebe ich keine Kakophonie an Farben“, sagt die 48-Jährige. „Es ist eher so, wie wenn man ein Wort liest und unwillkürlich an das denken muss, was es beschreibt. Wenn Sie ‚Pudel‘ lesen, sehen Sie einen Pudel vor sich. Und wenn ich ‚W‘ lese, sehe ich Türkis.“

Dass die Welt für Iris Meder bunter als für viele andere Menschen ist, kann man auf den ersten Blick schwer erahnen. Kein greller Schal, keine farbenfrohe Handtasche, keine schillernden Knöpfe. „Eigentlich will ich alles immer farblos haben““, sagt Meder. Auch Gebrauchsgegenstände und Möbel mag sie so am liebsten. „Ich würde nicht im Traum auf die Idee kommen, einen farbigen Vorhang aufzuhängen.“ Vielleicht, vermutet sie, weil für sie alles auch so schon bunt genug sei.

Lautmalerei 

„Es geht bei den Ohren hinein und bei der Pinselspitze wieder heraus“, sagt Edith Temmel, während sie auf eine Glasplatte bunte Striche und Kleckse verteilt. Immer wieder korrigiert sie, löscht ganze Partien mit einem Stück Küchenrolle, tupft mit dem Handballen Strukturen ins Bild. Nach wenigen Minuten legt sie ein spezielles Papier auf das Glas und nimmt einen Abdruck des Musikbildes. In den vergangenen Jahren sind so viele Malereien der Grazer Künstlerin entstanden. Seit Jahrzehnten malt Temmel zur Musik; anfangs hörte sie nur nebenbei, heute bildet sie ganz bewusst ausgewählten Musikstücke und –stile ab. „Benjamin Britten ist sehr violett. Vivaldi hat viel Grün drinnen. Und Bach ist eher kristallin“, sagt Temmel. In den synästhetischen Bildern sieht sie „Simultanübersetzungen“, mit denen sie versucht, die jeweiligen Musikstücke als Ganzes abzubilden. Ihre Synästhesie beschreibt sie dabei so: „Es ist, wie wenn ich als Blinde in einen fremden Raum gehe. Als ob ich alles ertaste, um zu merken, ob es spitz, rund, heiß oder kalt ist. Ich erfühle die Farben.“

Mit ungefähr 20 Jahren erkannte Edith Temmel ihre Synästhesie. Damals saß sie zum ersten Mal in einem Konzert. „Es war Bruckner, wahrscheinlich die vierte Sinfonie“, erinnert sich die Künstlerin. „Plötzlich bin ich in der Musik spazieren gegangen. Ein dichter Wald, ganz viele Blätter, das Grün, das Licht – ich habe es fast körperlich gefühlt.“ Rund zwei Jahrzehnte später malte Temmel dann ihr erstes Musikbild. Mittlerweile hat die 71-Jährige hunderte „Simultanübersetzungen“ geschaffen. Viele davon liegen in ihrem Atelier in Mappen sortiert. Manche sind mit bis zu zwei Quadratmetern so groß, dass sie nur stehend aufbewahrt werden können. Einige ihrer Glaskunstwerke sind ebenfalls durch die Synästhesie beeinflusst. Und nicht zuletzt auch die leuchtend gelb-orange und strahlend blau-gelben Messkleider, die sie 2004 und 2007 für die Papstbesuche in Mariazell anfertigte. „Damals hörte ich beim Entwerfen orthodoxe Liturgie.“ Klassische Musik hat Temmel mittlerweile ebenso „übersetzt“ wie Jazz und Gipsy Music. Welcher Musikstil als nächstes an die Riehe kommt, kann sie noch nicht sagen. Hard Rock wird es jedenfalls nicht sein. „Das ist mir zu metallisch, um dazu zu malen.“

Farbgefühl

Wenn Jeanette Schulz lacht, wird alles golden. Denn immer, wenn sie intensive Gefühle erlebt, sieht sie Farben. „Glückliche Fügungen sind für mich ebenfalls golden“, sagt die 46-Jährige. „Oder wenn ich beim Kraulen im Schwimm-Flow bin und ungestört meine Bahnen ziehen kann. Dann sehe ich auch goldene und gelbe Farbtöne.“ Wenn sie den „Löwengruß“ macht, eine Übung aus dem Lachyoga, sieht die fröhliche Künstlerin Braun- und Rottöne, Violett und Grau „auf gelblich-goldenem Untergrund“. Silber dagegen gefällt ihr gar nicht. Denn es sind meist Schmerzen, die silbrig sind. „Deswegen bin ich auch kein Fan von Silberschmuck“, sagt sie und lacht. Jeanette Schulz nimmt nicht nur Gefühle synästhetisch wahr, sondern auch Buchstaben, Zahlen und Monate. „Ich sehe die Farben und Formen als diffuses Bild wie vor einem inneren Auge“, erklärt sie. Und das war schon immer so. „Erst als Teenager wurde mir klar, dass das nicht für alle so ist“, erinnert sich die Synästhetikerin. Verheimlicht hat sie ihre besondere Wahrnehmung zwar nie, „aber ich habe sie auch nicht vor mir hergetragen.“ In ihren Kunstwerken spielt die Synästhesie nur selten eine Rolle. „Es interessiert mich nicht, mich ständig mit meiner Synästhesie künstlerisch zu beschäftigen.“ Schließlich sei diese nichts besonders für sie. „Das wäre so, als würde ich meinen langweiligen Alltag vor den Leuten ausbreiten“, sagt Schulz und lacht wieder. „Und wenn ich ehrlich bin, arbeite ich eigentlich auch lieber in Schwarz-Weiß.“ Manchmal werden ihr all die Farben aber auch zu viel. Wenn ihr alles zu bunt wird, zum Beispiel nach einer intensiven Filmpremiere, zieht sie sich zurück und sucht Ruhe. Meist genießt sie die synästhetischen Eindrücke aber. Wenn die Künstlerin und Grafikerin Lehraufträge an Kunsthochschulen hat, frägt sie häufig in die Runde, ob jemand unter den Studierenden synästhetisch wahrnimmt. Als Reaktion bekommt sie dabei meist ungläubige Blicke. „Einmal hat mich ein Student sogar gefragt: ‚Ist das eine Hirnkrankheit?'“. Schulz’ Antwort: „Nein, nein, das ist eine schöne Verschaltung, die einem das Leben bunter macht!“

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2014 unter dem Titel „Lautmalerei“ leicht verändert erschienen in „profil wissen„.

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Ein Gedanke zu “Synästhesie: Zwischensinnlich”

  1. Hallo!
    Der Artikel gefällt mir gut.
    Ich bin selbst Synästhetikerin. Es ist eine ganz eigene Art, die Welt wahrzunehmen. Darüber schreibe ich in meinem Blog und hoffe, so einen Einblick zu geben.
    Viel Erfolg weiterhin.
    Herzliche Grüße
    Jana

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