Big Data in Medienunternehmen: Große Daten, kleine Redaktionen

Datenjournalistische Projekte sind auch in Lokalredaktionen möglich. Damit sie ideal umgesetzt werden können, braucht es aber neue Herangehensweisen

Datenjournalismus. Bei diesem Schlagwort kann man an aufwändig produzierte, interaktive Multimedia-Storys denken, in denen riesige Datensätze dargestellt werden. Schwer vorstellbar, dass so etwas von kleinen Redaktionen umgesetzt werden kann. Die Diskussionsrunde „Datenjournalismus in Lokalredaktionen“, die das forum journalismus und medien wien (fjum) gemeinsam mit den Regionalmedien Austria (RMA) veranstaltete, zeigte allerdings: Der Trend könnte auch hier Einzug ­finden – wenn Journalisten und ­Manager umdenken.

Es muss nicht immer „Snow Fall“ sein

Im Flugrouten-Radar der Berliner Morgenpost kann man einen beliebigen Punkt in Berlin auswählen und bekommt auf einer Karte angezeigt, welche Flüge den Standort überqueren. Christina Elmer, Wissenschaftsredakteurin bei Spiegel Online, sieht darin eine „Mischung aus relevantem Thema und regionaler Betroffenheit“. Datenjournalismus kann durchaus regional sein. Und nicht immer muss die Präsentation der Daten vor Interaktivität strotzen und viel Geld ­kosten. ­Philipp Ostrop von den Ruhr ­Nachrichten zeigt als Beispiel einen Artikel mit dem Titel „Diese Daten zur Arbeitslosigkeit in Dortmund sollten Sie kennen“. Hier wurde auf die relativ einfach zu bedienenden Darstellungstools Google Maps und Datawrapper (in der Grundver­sion kostenlos) zurückgegriffen. In den USA habe sich mittlerweile in vielen Redaktionen die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht jeder das Rad neu erfinden müsse, stellt die Journalistin Ulrike Langer fest. Public-Private-Partnerships wie ProPublica würden immer häufiger werden. „Das Projekt ‚Dollars for Docs‘ wurde von über 120 Lokalredaktionen aufgegriffen. Sie haben aus dem riesigen nationalen Datensatz lokale Beispiele herausgegriffen.“

Gut mit Buchstaben, schlecht mit Zahlen?

Damit Datenjournalismus erfolgreich sein kann, muss in den Redaktionen von heute Klarheit darüber herrschen: Es genügt nicht, als Journalist gut im Erzählen von Geschichten zu sein. „Ich halte es für unheimlich wichtig, dass Journalisten heute nicht nur Schreiben, sondern auch mit Daten umgehen können“, sagt Datenjournalist Marco Maas. Und damit meint er nicht, dass jeder Journalist ein ­Statistikprofi werden muss. Es geht ihm vielmehr um ­Basiswissen, wie den richtigen Umgang mit Microsoft Excel. Ostrop und Maas sind außerdem davon überzeugt, dass Journalisten stärker versuchen sollten, „gute“ Daten zu bekommen. Wenn eine Pressekonferenz ansteht, rät Ostrop: „Bring bloß Daten mit!“ Und wenn Zahlen präsentiert werden, sollte man immer versuchen, an die Originaldaten zu kommen. Muss ein Journalist auch programmieren lernen, um ein guter Datenjournalist zu sein? „Ganz klar: nein“, sagt Macro Maas. „Aber es schadet nicht, wenn er eine ­Ahnung vom Programmieren hat.“ Denn so könne man sich besser mit dem Programmierer unterhalten. „Es hilft also, ein Nerd zu sein.“

Neue Redaktionsstrukturen

Nicht nur für den einzelnen ­Journalisten, sondern auch für die gesamte ­Redaktion sei Datenjournalismus derzeit häufig eine große Herausforderung, sagt Christina Elmer. Denn bei großen datenjournalistischen Projekten handelt es sich meist um Querschnittsprojekte. Neben Journalisten sind im Idealfall auch Designer, Programmierer, Juristen und Fact-Checker beteiligt. Eigentlich, so Elmer, bräuchte jedes datenjournalistische Projekt seinen Projektmanager. „Das Thema Projektmanagement ist aber noch nicht wirklich kompatibel mit den redaktionellen Strukturen, die wir an vielen Orten vorfinden.“ Die Idee vom Projektmanagement kommt auch bei RMA-Vorstand Stefan Lassnig gut an. Lassnig glaubt, dass engere Zusammenarbeit und „ressortübergreifendes Denken“ immer wichtiger werden. Er stellt aber auch klar, dass er für datenjournalistisches Projektmanagement derzeit keine Personalressourcen zur Verfügung stellen kann. Halb scherzend meint er gegen Ende der Podiumsdis­kus­sion: „Da will ich jetzt keine ­falschen Hoffnungen wecken.“

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2014  unter dem Titel „Große Daten, kleine Redaktionen“ erschienen im „Medien Manager.

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