Rostige Ressorts

Sie lieferten Orientierung und prägten die Struktur von Zeitungen. Nun stehen Ressorts auf dem Prüfstand

„Weg mit den Ressorts!“ So lautet eine der 23 ­Thesen zur Zukunft des Journalismus, die Jessica Binsch, Ole Reißmann und Hakan Tanriverdi aufgestellt haben. Die drei Journalisten finden, dass die „Generation Web“ den „alten Aufbau“ und die „aufgeblähte Navigation“ typischer Nachrichtenseiten nicht braucht, schreiben sie auf 23thesen.tumblr.com. Außerdem würde sich die (Nachrichten-)Welt ­häufig nicht in klare Ressorts ­“aufteilen“ lassen. „Wir können den Geschehnissen nur gerecht werden, wenn wir über Ressortgrenzen ­zusammenarbeiten.“

Verändern und aufbrechen

Ist die klassische Einteilung in Ressorts also überbewertet? Beobachtungen des Zeitungsdesigners Norbert Küpper passen jedenfalls zu dieser Annahme: „Ich habe durch Blickaufzeichnungsforschung festgestellt, dass die Leser die Titel über den Seiten nicht wirklich wahrnehmen.“ Rezipienten würden eher anhand von Überschriften und Bildern erkennen, in welchem Ressort sie sich befinden. „Nur wenn sie völlig verunsichert sind, schauen sie auf den Seiten­titel und orientieren sich daran wie an einem Straßenschild.“ Küpper findet, dass man die Ressortstruktur, die aus dem 19. Jahrhundert stamme, auch „verändern und ­aufbrechen“ könne. Wie das zum Beispiel die niederländische Zeitung de Volkskrant macht. Die Nachrichten auf den vorderen ­Seiten werden hier nicht in erster Linie nach Ressorts bzw. Themen eingeteilt, sondern nach Wichtigkeit bzw. Relevanz für den Leser. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein Sport- und ein Kulturartikel nebeneinander stehen. Aber wer legt fest, was wichtig ist und was nicht? „In diesem Fall ­haben wir uns von der Demokratie verabschiedet“, scherzt der stellvertretende Chefredakteur Pieter Klok. Was im Zentrum der Zeitung steht, entscheide der Chefredakteur, er sei der „Repräsentant der Leser“. Und diese würden bisher durchaus positiv reagieren, so Klok. Wie auch die betroffenen Journalisten, allerdings: „Die Journalisten müssen nun viel kommunizieren. Und einige finden das durchaus schwierig.“ Fehlen klare Ressortgrenzen, ist es alleine der Inhalt einer Story, der zählt. „Man muss nun Feedback und Kritik ­akzeptieren. Und das war nicht Teil unserer Kultur.“

Transformation

Ist das Ende der Ressorts absehbar? Bei aller Begeisterung für einen guten Themen­mix anstelle langweiliger Ressort­einteilung ist Klok skeptisch. Gäbe es nur mehr ein zentrales Ressort, von dem aus entschieden wird, worüber die Journalisten ­schreiben, „dann denke ich, dass man eine oberflächliche Zeitung produziert“. Auch Norbert Küpper glaubt, dass es weiter Fachgebiete geben muss. Journalisten, die auf Themen spezialisiert sind, könnten aber vermehrt für mehrere Ressorts arbeiten. Und für diese Ressorts „könnte man sich auch andere Namen vorstellen“, so Küpper. Bereits heute existierten Bezeichnungen wie „Thema des Tages“, „Zeitgeschehen“ oder „Kaleidoskop“. „Und in Österreich gibt es ja den Begriff Chronik, der sagt mir auch alles oder nichts.“ Folgt man Küpper und Klok, wird es Zeitungsteile mit unterschiedlichen Bezeichnungen und Journalisten mit Fachwissen weiter geben. Die strenge Sortierung in Politik, Wirtschaft, Sport usw. ­könnte in ­Zukunft aber ausgedient haben.

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2014  erschienen im „Medien Manager.

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