Podcasts: Gehypet und vernachlässigt

Aufwendig produzierte englische Podcasts gibt es einige. Doch im deutschsprachigen Raum sucht man vergeblich nach vergleichbaren Podcasts.

Die Idee hinter „Serial“ ist einfach: Eine wahre Geschichte wird in mehreren Folgen als Podcast erzählt. Im Zentrum stehen dabei ein Mord, der vor mehreren Jahren verübt wurde. Und die Frage, ob der Verurteilte tatsächlich schuldig ist. Die Produktion des Podcasts war allerdings äußerst aufwendig: Monatelange Recherchen, unzählige Interviews und Audio-Erzählkunst auf höchstem Niveau. Musik, die extra für den Podcast komponiert wurde, Cliffhanger am Ende jeder Folge – „Serial“ unterscheidet sich von den meisten anderen Podcasts und erinnert stark an eine Krimi-Serie, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Mittlerweile ist die erste Staffel von „Serial“ abgeschlossen. Eine zweite wurde bereits angekündigt. Und Medienjournalisten feiern die Produktion als den ersten großen Podcast-Erfolg.

Zweitverwertung und Interviews

Der deutsche Radiojournalist und Podcast-Macher Christian Grasse freut sich über den Aufmerksamkeitsschub, den nun auch deutsche Podcasts seiner Meinung nach bekommen. Aussagen wie „Macht das doch auch mal!“ an ihn und seine Kollegen kann er allerdings wenig abgewinnen. Denn eine Produktion wie „Serial“ braucht mehrere Monate Vorbereitungszeit. Und das können sich weder einzelne Podcast-Macher noch große Radiostationen leisten. So lässt sich die deutschsprachige Podcastlandschaft in zwei Bereiche einteilen: In Radiosendungen, die einfach als Podcast recycelt werden. Und in solche von unabhängigen Hobby-Podcastern, in denen vor allem Interviews geführt werden. „Dazwischen passiert wenig“, sagt  Grasse. Im österreichischen iTunes-Store sind an der Spitze vor allem Podcasts von ORF-Radiosendungen vertreten. Zusätzliche Podcasts oder gar eigene Podcastformate wird es laut ORF in absehbarer Zukunft nicht geben. Das liegt auch am ORF-Gesetz. Diesem zufolge sind Podcasts nur zur „Überblicksberichterstattung“ und als „Sendungsbegleitende Inhalte“ erlaubt.

Kein Geld für Langfassungen & Co

Christian Grasse kennt die Zurückhaltung gegenüber Podcasts auch von Radiosendern in Deutschland. Interessante Inhalte, die nicht gesendet werden – zum Beispiel Langfassungen von Interviews – würden häufig „im internen Archiv versickern“, so Grasse. „Schöner wäre es, wenn man das stattdessen als Podcast online stellt. Aber das wird nicht gemacht, weil es nicht bezahlt wird. Bezahlt wird nur, was auch gesendet wird“, kritisiert er. „Man müsste grundlegend Strukturen ändern, um auch Inhalte finanzieren zu können, die nicht im Radio gesendet werden. Aber das ist nicht vorgesehen.“

Podcast first

Vielleicht kommen die erfolgreichen deutschsprachigen Podcasts von morgen aber nicht von etablierten Radiosendern, sondern von Journalisten wie Christian Grasse. Vor kurzem ging die erste Folge seines neuen Podcasts „Systemfehler“ online. „Systemfehler“ bietet Geschichten über Fehler. „Hörstücke über die Abweichung vom Normalwert“, wie es auf der Website zum Podcast heißt. Folge Nummer 1 dreht sich um die Relaismotte, den wohl ersten dokumentierten, physischen „Bug“ in einem Computer. Die Folge ist fast 50 Minuten lang und kann sich mit aufwendig produzierten Radio-Features messen. Noch zahlt sich das Projekt finanziell nicht aus. Aber ein Radiosender wurde bereits hellhörig. „Eine 30-Minuten-Version der ersten Folge wird auch in einer Radiosendung im Deutschlandradio Kultur gespielt werden“, sagt Grasse. Zuerst eine Folge für einen Podcast produzieren und diese anschließend als „Kurzversion“ an Radiosender zu verkaufen, kann er sich auch für weitere Folgen gut vorstellen.

Podcast-Start-up

Radiosender sind aus Kostengründen und gesetzlichen Einschränkungen wenig experimentierfreudig, was Podcasts betrifft. Und unter Spardruck könnten sich auch große Radiosender immer seltener aufwendige Beiträge leisten, so Grasse. Stattdessen setzte man auf Expertengespräche oder Gespräche unter angestellten Kollegen. Das könnte auch eine Chance für Podcasts-Startups im deutschsprachigen Raum sein. Gemeinsam mit einigen Kollegen betreibt Grasse das „Radiobüro„. Derzeit ist dieses vor allem ein Gemeinschaftsbüro für Radiojournalisten. In Zukunft will man allerdings vermehrt auf gemeinsame Podcastproduktionen setzten. „Unser Ziel ist es, zusammen Audio zu produzieren, wie es das in dieser Form in der deutschsprachigen Podcast-Welt noch nicht gibt. Und im Radio vielleicht nicht mehr“, sagt Grasse.

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2015  erschienen im „Medien Manager.

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