Warum Comic-Journalismus (keine) Regeln braucht

Warum Regeln für nichtfiktionale Comics unter Comic-Künstlern und -Wissenschaftlern nicht gut ankommen. Und warum ich es trotzdem wichtig finde, darüber zu diskutieren.

Wer ein nichtfiktionales Comic macht, sollte sich Gedanken darüber machen, welchen Regeln er dabei folgen will – darüber habe ich vor kurzem auf einem Symposium gesprochen. Ich habe einen Überblick darüber gegeben, wie Comic-Journalistinnen und -Journalisten transparent arbeiten. Und ich habe gefordert, dass in einem nichtfiktionalem Comic keine Zitate erfunden oder falsch zugeordnet werden sollen. Außerdem habe ich dafür plädiert, keine Personen, Objekte und Ereignisse zu erfinden und Raum und Zeit nicht zu manipulieren. Und ich habe gesagt, dass bei der Recherche auch viele visuelle Fragen gestellt werden sollen.

Die Comic-Künstler und -Wissenschaftlerinnen im Publikum haben auf meine Meinung und Argumente vor allem skeptisch reagiert. Ganz neu war mir das nicht – schon als ich ein kleines Comic zu meiner Masterarbeit  gemacht habe, ist mir klar geworden, dass meine Sichtweise vielen nicht gefällt.

Hier einige der Kritikpunkte, die ich im Laufe der vergangenen Monate gehört habe (und was ich dazu zu sagen habe):

Es gibt keine absolute, objektive „Wahrheit“. Die Forderung nach „Wahrheit“ und „Faktentreue“ ist daher naiv.

Ich fordere eine transparente Arbeitsweise und transparente Regeln. Mein Anspruch ist Überprüfbarkeit, nicht Wahrheit.

Comics werden immer subjektiv und von der Comic-Künstlerin geprägt sein. 

Umso wichtiger ist es, dass die Comics „überprüfbar“ sind.

Selbst wenn ein Comic-Künstler für alles visuelle „Belege“ liefert, wird es Manipulation geben. Schon alleine die Auswahl darüber, was er erzählt und was nicht, ist Manipulation.

Ja. Meine Forderung, visuelle Fragen zu stellen, deckt nur einen Bereich ab.

Warum sollte man für Comics Regeln des Journalismus anwenden?

Weil Begriffe wie „nichtfiktional“ und „Journalismus“ es nahelegen.

Fußnoten, Symbole, Vorwort, Nachwort usw. machen ein Comic unlesbar.

Diese Gefahr besteht.

Solche Regeln stellen den „journalistischen Anspruch“ über den „künstlerischen Anspruch“. Sie schränken den Künstler ein.

Ja.

Comic-Journalismus braucht keine eigenen Regeln. Man kann einfach die Regeln des Journalismus anwenden.

Wie jedes Medium hat auch das Comic seine Besonderheiten, daher finde ich es wichtig, über eigene Regeln nachzudenken (z.B. „visuelle Fragen“).

Journalisten halten sich in der Praxis selten an journalistische Regeln. Regeln für den Comic-Journalismus auf Basis klassischer journalistischen Regeln sind daher realitätsfremd.

Weil es bestimmte Regeln im Journalismus gibt, sorgen schwere Vergehen dieser Regeln für Skandale. Journalistische Qualitätskriterien werden nicht immer eingehalten, aber sie  können jederzeit eingefordert werden.

Die Verantwortung, nicht zu „lügen“, liegt bei der Comic-Künstlerin. 

Ich finde, dass Comic-Künstler durchaus als Qualitäts-Merkmal gelten können. Dazu muss man als Leser aber Hintergrundwissen zum Comic-Künstler haben. Und nichtfiktionale Comics können auch von einem Team hergestellt werden.

Ein fotorealistischer Zeichenstil macht ein Comic nicht „wahrer“.

Das sehe ich auch so. Ich fordere keinen bestimmten Zeichenstil.

Je länger ich mich mit dem Thema „Überprüfbarkeit von Fakten im Comic-Journalismus“ beschäftige, umso klarer wird mir, dass es wenig sinnvoll ist, konkrete Regeln aufzustellen. Ich glaube, dass nichtfiktionale Comics vor allem eines brauchen: Einigkeit unter den Beteiligten Künstlerinnen, Wissenschaftlern usw., darüber, wie man mit Fakten umgeht. Und ein möglichst großes Maß an Transparenz gegenüber den Leserinnen und Lesern.

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Blogeintrag, 2015. Ich habe eine Master-Arbeit zum Thema Comic-Journalismus und journalistische Qualität geschrieben. Hier trage ich Material rund um das Thema zusammen (in Englisch).

 

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