Die Einschlafmedien

Einschläfernde Podcasts, langweilige TV-Sendungen, Malbücher für Erwachsene – Abschalten als Medientrend.

Link zum Artikel. Der Podcaster Tobias Baier hat ein skurriles Erfolgsrezept: langweilig sein. Mittlerweile steuert er mit seinem Einschlafen Podcast auf die 400. Folge zu. Er plaudert unaufgeregt und monoton dahin, oft eine Stunde lang, manchmal darüber hinaus. Dabei erzählt er mehr oder weniger Belangloses aus seinem Leben und liest aus Büchern vor. Tobias Baier hat zwei Töchter, denen er abends oft etwas vorliest. So habe er sich eine „besonders einschläfernde Vorlesestimme antrainiert“, schreibt er auf seiner Website zum Podcast. Und weiter: „Ich hoffe, es langweilt Euch zum Einschlafen!“

Der Einschlafen Podcast ist nicht der einzige Podcast, der sein Publikum langweilen will. Und wer möchte, findet viele Apps und YouTube-Videos mit Grillenzirpen, Regenprasseln und Meeresrauschen. Der Trend rund um einschläfernde Inhalte beschränkt sich aber nicht nur auf entspannende Tonaufnahmen, sondern umfasst auch Bewegtbildinhalte. Tatsächlich verdienen mittlerweile einige YouTuber Geld mit Entspannungsvideos. Sie flüstern in Nahaufnahme in ihre Mikrofone, streichen über Oberflächen oder die Kamera, geben Kopfmassagen und filmen sich dabei. Und einige der YouTube-Kanäle kommen so auf mehrere hunderttausend Aufrufe pro Video.

Das Video „Stricken lernen 1 – Maschenanschlag„, hochgeladen 2008, kommt derzeit sogar auf über eine Million Aufrufe. Mittlerweile ist die Österreicherin Elisabeth Wetsch mit ihrem Strick-Kanal nadelspiel * Stricken & Häkeln mit eliZZZa beim Vermarkter Studio71 Vienna, dem Multi-Channel-Netzwerk von ProSiebenSat.1 Media SE unter Vertrag. Anfang 2015 wurde – wenn auch zu später Stunde um 00:25 Uhr – sogar eine eigene Sendung mit dem YouTube-Star auf Sat1 Gold Österreich ausgestrahlt – ein „trendiges Slow-TV-Format“, wie es damals in einer Aussendung hieß.

Der Sender ist mit seinem Slow-TV-Experiment nicht alleine: Kabel eins sendete 2015 beispielsweise „Die lange Nacht des Schwertransports“ und zeigte den Transport eines 315 Tonnen schweren Transformators. In Echtzeit, aus mehreren Kameraperspektiven. Ebenfalls 2015 zeigte ARD-alpha Menschen bei der Arbeit. Über drei Folgen, je eine volle Stunde lang, unkommentiert und ungeschnitten. Das Projekt war offenbar erfolgreich; seit Anfang dieses Jahres setzt der Sender erneut auf das Slow-TV-Format MORA – Gib Dir echtZeit. Gezeigt werden unter anderem: Ein Künstler, der während einer Zugfahrt zeichnet, ein Eisbildhauer, der einen Eisblock in eine Skulptur verwandelt. Und ein Uhrmacher, der eine Taschenuhr repariert.

In Norwegen kennt man den Trend schon länger – der öffentlich-rechtliche Sender NRK setzt schon seit einigen Jahren auf diverse Slow-TV-Formate (der MedienManager berichtete). Das neueste NRK-Projekt: Die Übertragung einer Rentierwanderung vom Hochland zur Küste. Knapp eine Woche lang soll gesendet werden. „Alles andere wäre selbst für Slow TV ein bisschen zu langsam“, sagt Projektleiter Thomas Hellum gegenüber der dpa. Er bezeichnet das Projekt, dessen Dreharbeiten im Frühjahr 2017 starten sollen, als „Hardcore-Slow-TV“.

Nicht nur Apps, Podcasts und Videos können dabei helfen, abzuschalten. Auch gedruckte Entspannungsmedien liegen im Trend: Malbücher für Erwachsene. In den USA sind große Buchläden bereits seit längerem gut bestückt mit Heften und Büchern zum ausmalen. Die Palette reicht dabei von Formen über Pflanzen und Tiere bis zu Filmfiguren. Und mittlerweile haben die Malbücher zur Entschleunigung auch den deutschen Markt erreicht.

Auch wenn immer mehr auf „Entspannungsmedien“ gesetzt wird, mit Elizzza im klassischen Fernsehen war schon nach vier Folgen wieder Schluss. „Die Kooperation war von Anbeginn an auf vier Episoden in Sat. 1 Gold Österreich und eine umgelegte Rubrik im PULS 4-Frühstücksfernsehen Café Puls ausgelegt“, erklärt Studio71-Projektleiterin Caroline Klinger. Echtzeitübertragung sei eine spannende Gegenentwicklung zu schnellem und action-affinem Schnitt. Man werde sie, wenn thematisch passend, auch wieder einbinden. „Allerdings ist Slow-TV eine TV-Form, die speziell auf Nischen-Sendern und dementsprechend weniger auf großen TV-Sendern bzw. Vollprogrammen wie PULS 4 gut platziert ist.“


2016  erschienen im Medien Manager.

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2 Gedanken zu “Die Einschlafmedien”

  1. Studien belegen es ja immer wieder, dass Fernsehen (ein Medium der Passivität) besonders aus Gründen der Unterhaltung und Entspannung genutzt wird. Dieser Trend des Slow-TV greift ja genau diese Nutzungsmotive auf und verwandelt sie in Sendungen. Außerdem auch aus finanzieller Sicht interessant für Sender, da kostengünstig.
    Beste Grüße digital/anker!

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