Zwischen Trends und Buzzwords

Wege und Irrwege zur Zukunft des Journalismus

Link zum Artikel. Schlagwörter gibt es genug. Big Data, konstruktiver Journalismus, Virtual Reality, Augmented Reality, Drohnen-, Roboter- und Sensorjournalismus – das sind nur einige der Trends, die den Journalismus der Zukunft bestimmen könnten. Daniela Kraus, Geschäftsführerin des Forums Journalismus und Medien Wien (FJUM), kennt diese Schlagwörter gut. Beiall den tatsächlichen und vermeintlichen Trends spüre sie mittlerweile „eine gewisse Ermattung“, erzählt sie im Interview. Denn allzu häufig werde bei der Begeisterung für neue Journalismus-Formen und -Tools eine wichtige Frage vergessen: Wozu? „Die Branche warlange sehr strukturkonservativ“, sagt Kraus, „jetzt gibt es einen großen Bedarf, sich über Neues zu unterhalten.“

Virtual Realityund Augmented Reality. Eines der Gesprächsthemen der vergangenen Monate: Virtual Reality (VR). Zahlreiche renommierte internationale Medienhäuser setzen die Technologie mittlerweile ein, um journalistische Geschichten zu erzählen. Und auch hierzulande kann man immer häufiger 360-Grad-Videos sehen. Um Augmented Reality (AR) für journalistische Inhalte ist es dagegen relativ ruhig geworden. Daniela Kraus hat die Virtual Reality Association Austria mitgegründet, einen Fachverband für professionelle VR-Anwender und Unternehmen in Österreich. Sie sieht in VR und AR eine „Brückentechnologie“ für zukünftige Technologien. Kraus vergleicht aktuelle VR-Brillen mit den ersten Mobiltelefonen, die mittlerweile weit entfernt von aktuellen Smartphones sind. Vielleicht, so Kraus, könnte in Zukunft zum Beispiel ein Interviewpartner mitten in dem Raum erscheinen, indem sich der Zuseher gerade befindet.“ Die Frage ist: Wie kann man eine zweite Schicht über die Wirklichkeit legen?“

Datenjournalismus. Das Schlagwort „Big Data“ ist mittlerweile schon einige Jahre alt. Gefragt sind Datenjournalisten in Redaktionen aber nach wie vor. Und laut Daniela Kraus hält sich bei dem Thema Big Data im Journalismus weiterhin ein „riesiges Missverständnis“: Allzu häufig werde unter Datenjournalismus die Aufbereitung und Visualisierung von Daten verstanden.“ Spannender wäre: Wie kann man mit Daten tatsächlich neue Geschichten finden?“ Das geschehe vereinzelt zwar schon heute, Kraus sieht hier aber noch viel ungenütztes Potenzial.

Sensorjournalismus. Bis zu 60 Sensoren, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen – sie stehen im Zentrum des Harlem Heat Project. Der amerikanische Radiosen der WNYC sammelt damit Daten aus Häusern und Wohnungen im Stadtteil Harlem in New York. Das Sensorjournalismus-Projekt ist schon das zweite des Senders. Und auch andere Medienunternehmen haben bereits Sensoren eingesetzt, um Daten zu sammeln. Noch handelt es sich beim Sensorjournalismus allerdings um ein Nischenphänomen.

Drohnenjournalismus. Vereinzelt schwirren sie schon, die fliegenden Kameras. Mit CNN Air startete beispielsweise der Nachrichtensender CNN diesen Sommer ein Drohnen-Projekt. Noch befindet sich Drohnenjournalismus allerdings in der Experimentierphase. Das Drone Journalism Lab des College of Journalism and Mass Communications an der University of Nebraska-Lincoln hat vor Kurzem ein Handbuch für Drohnenjournalismus veröffentlicht. Wer Drohnen journalistisch einsetzt, muss nicht nur über technisches Know-how verfügen, sondern auch über die aktuelle Gesetzeslage informiert sein und sich ethischen Fragen stellen.

Roboterjournalismus. In Zukunft könnten immer mehr Texte von Computerprogrammen geschrieben werden. Schon jetzt werden so manche Sport- und Finanzberichte von Algorithmen getextet. Noch beschränkt sich Roboterjournalismus allerdings weitgehend auf „eintönige“ Texte; die Programme fassen vorhandene Daten standardisiert zusammen. Reportagen, Interviews und Kommentare schaffen die „Roboter“ bisher nicht.

Konstruktiver Journalismus. Journalisten kritisieren, thematisieren Probleme, decken auf. Auf Lösungen weisen sie selten hin. Hier setzt die Idee vom konstruktiven Journalismus an. „Man schaut sich ein Thema nicht nur unter der Perspektive ‚Wo ist ein Problem‘ an, sondern setzt sich mit Lösungsansätzen auseinander“, sagt Daniela Kraus. Sie sieht konstruktiven Journalismus in enger Verbindung mit dem Thema Audience Engagement. „Journalisten sollten sich stärker mit den Bedürfnissen des Publikums auseinandersetzen“, sagt Kraus. Sie glaubt, dass sich Journalisten heute weniger als Experten und Welterklärer sehen sollten, sondern vor allem als Inputgeber für gesellschaftliche Diskurse. Der vielleicht wichtigste aktuelle Trend im Journalismus ist für Daniela Kraus allerdings der Journalismus selbst. Nicht nur wegen der genannten Trends, sondern auch angesichts von Content Marketing, Blogs und Youtube-Auftritten von Parteien werde eine Frage immer brennender, glaubt Daniela Kraus: „Was ist eigentlich Journalismus?“


2016 erschienen im Medien Manager.

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